Tiefschneekurs

Am Freitag war es endlich soweit: Projekt 20 ist aus der Planungsphase in die Durchführungsphase übergegangen!

Früh um sieben gings von Regensburg nach Kaprun, wo von Samstag bis Montag ein Tiefschneekurs gebucht war. Gegen elf sind wir angekommen und konnten noch 3-4 Stunden bei prima Wetter gescheit auf der Piste fahren.

Am Abend lernten wir dann den Guru der Veranstaltung, Ernst Garhammer, kennen und bekamen gleich mal unser LVS ausgeteilt.

LVS steht für Lawinen Verschütteten Suchgerät, oder auch Lebensversicherung wenn ihr wollt. Das Gerät sendet je nach aktivem Modus Signale aus, oder ortet eben diese Signale, mit dem Sinn, dass man lawinenverschüttete Skischüler finden und ausgraben kann.

Am nächsten Morgen um 08:30 Uhr trafen sich dann 50-60 lernwillige Skifahrer an der Talstation und es folgte die Gruppeneinteilung. Zunächst wurde nach Kursdauer aufgeteilt. Zwei Tage oder drei Tage. Dann wurden die Gruppen wohl nach Fahrkönnen eingeteilt und ich blieb als einer der letzten neben lauter top ausgerüsteten Geländefahrern und dem wahrscheinlich sportlichsten Skilehrer von allen stehen.

Ich schluckte trocken und versuchte mich zu erinnern, was ich damals bei der Anmeldung unter „Fahrkönnen“ eingetragen hatte. „Fährt wie ein junger Gott auf Speed“ hatte ich doch hoffentlich nur gedacht und nicht getippt?

Ich sah mich jedenfalls schon wieder bis in die letzte Mädchengruppe durchgereicht werden, so wie damals beim Mountainbiken.

Als alle Gruppen eingeteilt waren ging es ganz nach oben auf den Gletscher, auf 3000m. Dort gab es die Einweisung in das Lawinenpiepsdingens und ein bisschen Theorie zur neuen Fahrtechnik.

Normalerweise versucht der Schönskifahrer den Oberkörper ruhig zu halten, während die Beine darunter die Bögen machen.  Die von Garhammer propagierte ABS Technik hingegen verlangt, dass man jeden Schwung durch eine schwungvolle Oberkörperdrehung einleitet, die bis in die Skistockspitze durchzuziehen ist.

Das ganze hat ein bisschen was von Kung-Fu-Skifahren und bei uns Anfängern läuft es auf ein wildes Gefuchtel mit den Armen hinaus. Richtig umgesetzt hat es den Vorteil, dass man sehr stabile, kontrollierte Kurven fahren kann und zwar weitgehend unabhängig von der Unterlage. Man kommt also auch im Tiefschnee um die Ecke.

Bis die Umsetzung halbwegs gelingt, vergehen die Kurstage recht schnell. Zumal wir Samstag und Sonntag viele Pausen machen mussten, weil -30°C auch bei guter Kleidung etwas grenzwertig sind zum Skifahren. Lustig, wie einem danach -8°C richtig warm vorkommen können :-).

In der Gruppe bin ich doch ganz  gut mitgekommen, obwohl ich keinen eigenen Anti-Lawinen-Airbag-Rucksack dabei hatte und noch nie in Kamtschatka  oder Kanada beim Heli-Skiing war :-).

Ein Highlight war das Fahren in einer selbst eingefahrenen Buckelspur. Hier kommt eine Variation der ABS-Fahrtechnik zum Einsatz, bei der die Schwünge durch kurze Bewegungen aus dem Unterarm/Skistock eingeleitet werden. Hat viel Spaß gemacht und recht gut funktioniert.

Ich hoffe, dass ich diese Saison noch ein paar Tiefschneetage erleben darf um die Technik mal so richtig auszutesten, auch im Vergleich zu meiner alten Methode.

Projekt 20 ist also auf einem guten Weg: 3,5 Tage absolviert, 14 gebucht, 2,5 offen!

Hier ein paar Impressionen aus den Bergen:

Und hier noch was zum Staunen oder Gruseln:

TeamThirteen

Mein Freund der Märchenprinz

(Achtung, langer Text)

Heute möchte ich euch von einem Freund erzählen, der verschwunden ist. Die Geschichte ist wahr, aber sie steht im Begriff, sich aufzulösen. Wenn ihr das lest dürfte nichts mehr von ihr übrig sein, was sich beweisen ließe. Ihr werdet glauben, dass es sich um ein Märchen handelt.

Ich lernte ihn auf einer dieser fürchterlich scheinheiligen Wohltätigkeitsveranstaltungen für Prominente kennen auf die mich mein Agent immer wieder mitschleppte um Kontakte zu knüpfen.

Er wurde mir als Prinz Maximilian von Feuchtenfelde vorgestellt. Er ist, war, ein Mann der unglaublich gut aussah. Sein Gesicht war von klaren markanten Zügen geprägt, und strahlte trotzdem eine gewisse Sanftheit und Sensibilität aus, die auf jeden sehr anziehend wirkte. Es wurde eingerahmt von kinnlangem goldenen Haar (und ihr meint jetzt sicher, dass es ‚blondes Haar‘ heißen sollte, aber das wäre unzutreffend). Der Körper wirkte durchtrainiert und athletisch, ohne dass seine Art sich zu kleiden darauf angelegt war das zu unterstreichen. Man konnte sich ohne weiteres vorstellen, wie dieser Mann in glänzender Rüstung auf einem prächtigen Schimmel los ritt um einen Drachen zu erschlagen, wenn ihr versteht worauf ich hinaus will. Der einzige kleine Makel an seiner Erscheinung, wenn man so möchte, waren die Augen, die im Vergleich zum Rest etwas kalt und ausdruckslos wirkten, geradezu distanziert. Zu diesen Augen passte der etwas schwache Händedruck, der sich unerwartet kühl anfühlte.

In dem kurzen, inhaltlich belanglosen Gespräch das der Vorstellung folgte, spürten wir gleich, dass wir uns sympathisch waren. Wohl weil wir uns beide etwas fremd und deplaziert auf solchen Veranstaltungen fühlten.

Im Verlauf des Abends fiel mir auf, dass sich der Prinz ständig mitten in einer Traube von jungen Frauen zu befinden schien, die alle versuchten möglichst nahe bei ihm zu stehen und möglichst laut über seine Scherze zu lachen. Bei genauerer Beobachtung gewann ich den überraschenden Eindruck, dass ihm diese Situation unangenehm zu sein schien.

Schwul – dachte ich mir. Ich erkannte jedoch bald, dass ich damit falsch lag, als ich beobachtete wie ein junger aufstrebender Maler, an dessen Orientierung es keinen Zweifel geben konnte, sein Glück versuchte, ohne auch nur die geringste Reaktion hervor zu rufen.

Meine Neugierde war geweckt und als ich sah, wie der unglückliche Prinz, mit dem ich in dieser Situation nicht ungern getauscht hätte, von den ihn bedrängenden Frauen beinahe schon in eine Ecke gedrängt wurde, sprang ich ihm helfend zur Seite. Indem ich das Gespräch geschickt von der zeitgenössischen Fotografie zur Sportfotografie lenkte und dann über Fußball, Motorsport und Getriebetechnik zur Verkehrspolitik steuerte, konnte ich eine Grazie nach der anderen zum Aufgeben bewegen. Mit jeder, die sich entnervt einer andern Gesprächsgruppe zu wandte, wurde Max, wie ich ihn bald schon nennen durfte, entspannter. Als wir am Ende des Abends nur noch mit zwei anderen Männern zusammenstanden, mit denen wir eine harmlose Diskussion über den Sinn und Unsinn der Autobahnprivatisierung führten, sah er mich direkt an und sein sonst so ausdrucksloser Blick strahlte eine tiefe, intensive Dankbarkeit aus. Von diesem Moment an waren wir Freunde.

Wir verbrachten viel Zeit zusammen. Wir spielten Tennis oder Golf und verbrachten gemeinsame Wochenenden auf seiner Yacht oder in einer der zahlreichen Ferienanlagen der Familie. In der Öffentlichkeit bildeten wir fast eine symbiotische Gemeinschaft. Mein Talent Frauen in die Flucht zu schlagen kompensierte seine nahezu magische Anziehungskraft auf das sanfte Geschlecht soweit, dass es ihm nicht zu viel wurde. Dafür konnte ich mich über das eine oder andere leidenschaftliche Abenteuer freuen, dass ich ohne meine enge Freundschaft zu ihm nicht mal im Traum hätte erleben können. Mir war natürlich klar, dass es diesen Damen nicht wirklich um mich ging. Die meisten versuchten über mich an Max heranzukommen. Aber ich kann euch sagen, hin und wieder gibt es schlimmeres, als einfach nur benutzt zu werden. Max hingegen zeigte an dergleichen weiterhin keinerlei Interesse. Sämtliche Annährungversuche ließ er stets höflich aber unmissverständlich ins Leere laufen.

Eines Tages aber kam ich durch einen Zufall dahinter, dass er doch hin und wieder die Gesellschaft gewisser Frauen suchte. Für diese Treffen gab es strenge Regeln und die Damen wurden sehr gut dafür bezahlt, dass sie diese exakt befolgten. Die wichtigste Regel von allen lautet: Der Prinz durfte niemals, unter keinen Umständen, auf den Mund geküsst werden.

Ein paar Abende später, als wir Rotwein trinkend dem Kaminfeuer zusahen, fühlte ich mich mutig genug das Thema anzusprechen. Maximilian antwortete lange nichts, sondern starrte nur auf den Wein, den er in seinem Glas kreisen ließ. Schließlich fing er an zu erzählen: Hexen, sagte er, die gibt es wirklich. Und ich, ich bin nicht immer ein Prinz gewesen.

Du kennst doch das Märchen vom Froschkönig, oder? – Ich nickte. – Nun die Hexen, es waren zwei, kannten es wohl auch. Über ihr Motiv kann ich nur spekulieren.

Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass ich ein Frosch war und mich an ein Seerosenblatt klammerte. Einen Moment später stehe ich als nackter Mann am Ufer und zwei Frauen mit langen Mänteln und spitzen Hüten lachen mich aus.

Vielleicht war es ein Spiel, eine Wette oder eine Art Wettbewerb. Sie erklärten mir nur, ich sei jetzt ein Prinz, wohnte in diesem Schloss, das gerade in dem Augenblick aus dem Nichts erschien, und könne von nun an ein schönes Leben führen. – An dieser Stelle machte er eine kurze Pause.

– Aber, sagten die Hexen, ein Kuss würde den Zauber brechen und alles wäre wie vorher und ich würde den Rest meiner Tage als Frosch verbringen, bis ein Storch, eine Schlange oder ein Geländewagen mir ein unrühmliches Ende bereiten würde.

Die Hexen lachten weiterhin sehr viel während sie mir das ausmalten.- Wieder gab es eine Pause.-

Du hälst mich für völlig verrückt, nicht wahr? –

Naja, antwortete ich. Es ist schon eine merkwürdige Geschichte. Was ist mit deiner Familie? Dein Stammbaum reicht hunderte von Jahren zurück. Du hast Verwandtschaft in allen Teilen Europas. Es gibt überall Unterlagen darüber. – Max stieß ein kurzes sarkastisches Lachen aus. – Ja, die Einträge gibt es. Urkunden, Kirchenbücher, alles was du sagst. Die Einträge mögen Jahrhunderte alt sein, aber sie stehen erst seit ein paar Jahren in diesen Büchern! Meine Eltern und Großeltern sind angeblich schon gestorben. Geschwister habe ich nicht. Für die Adelsgeschlechter Europas kommt es auf einen Cousin mehr oder weniger wirklich nicht an.

Ich kann nicht sagen, dass ich seine Geschichte für wahr hielt. Aber er konnte mich davon überzeugen, absolut und vollkommen überzeugen, dass er es glaubte was er mir gerade erzählt hatte. Und ich konnte das respektieren.

Nach unserem Gespräch ging das Leben weiter wie davor. Wenn sich überhaupt etwas geändert hatte, dann war unser Vertrauen zueinander noch tiefer geworden. Die Veränderung kam, als ich die Gelegenheit bekam für eine Auftragsarbeit in Südamerika zu recherchieren. Wir hatten davon geredet zusammen zu fahren, aber gewisse Verpflichtungen verhinderten das.

In den ersten Tagen nach meiner Abreise telefonierten wir noch häufig miteinander, aber dann wurde es ruhiger bis wir schließlich nur noch ab und zu kurze Emails tauschten.

Als ich drei Monate später wieder zurück war, rief ich ihn an. Er freute sich sichtlich von mir zu hören und sagte dass er mich unbedingt treffen müsste.

– Ich glaube, ich bin verliebt! – sagte er mir, noch ehe ich ihn richtig begrüßen konnte. Die nächste halbe Stunde lang schwärmte er in so ungehmmter Kitschigkeit, dass ich euch die Einzelheiten hier ersparen möchte. Dererlei ist schon oft genug geschrieben worden. Am Ende jedenfalls fragte er mich um Rat.

Ich dachte eine Weile nach. – Ich denke, du hast drei Möglichkeiten – sagte ich ihm. – Wenn du wirklich glaubst, ein verzauberter Frosch zu sein, dann solltest du verschwinden. Liebe ist ein sehr starkes Gefühl, aber sie geht von alleine wieder weg, wenn man ihrer Flamme die Nahrung entzieht.

Stattdessen könntest du sie aber auch ins Vertrauen ziehen. So wie du es mir gesagt hast. Wenn ihr nur auf das Küssen verzichten müsst um zusammen zu sein, habt ihr vielleicht eine Chance. Aber das kann natürlich leicht daneben gehen.

Falls es aber einen irgendeinen Zweifel an der Geschichte mit der Verwünschung gibt, eine Möglichkeit, dass du dir das ganze doch nur einredest, dann solltest du es vielleicht einfach drauf ankommen lassen. – Er dankte mir für meine, wie er es ausdrückte, profunde Analyse und sagte – Ich will nicht wieder zum Frosch werden. Nicht nach dem ich ein Mensch war. Ich hasse nichts so sehr wie kaltes Wasser!

Aber ich kann sie auch nicht einfach aufgeben. Ich muss nachdenken. Ich melde mich bei dir, wenn ich zu einer Entscheidung gekommen bin. –

Er brachte mich noch zur Tür und zum Abschied umarmten wir uns lange. Als ich in meinen Wagen stieg, blickte ich mich noch einmal um und er winkte mir zu. Und danach sah ich ihn nie wieder.

Zunächst hoffte ich, dass alles gut war. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass zwei Menschen aus dem Leben verschwinden, weil sie sich gefunden haben. Vielleicht, dachte ich, ist er auch meinem Rat gefolgt und fortgefahren um alleine zu trauern. Aber schnell wurde mir klar, das etwas Entscheidendes nicht mehr stimmte. Ein Artikel über Prinz Maximilian von Feuchtenfelde, den ich aus einem Boulevardmagazin ausgeschnitten und neben meinem Schreibtisch aufgehängt hatte, handelte plötzlich nicht mehr von ihm sondern von einem Vergleich zwischen Kate Middleton und Daniel Westling nach dem Motto ‚welches Königshaus bekommt das bessere Schwiergerkind‘. Auch meine Erinnerung an ihn schien immer vager und verschwommener zu werden.

Da wurde meine Sorge so groß, dass ich mich unverzüglich auf den Weg zu seinem Schloss machte. Aber der Weg, an den ich mich als asphaltierte Straße zu erinnern glaubte, endete in einer sumpfigen Wiese. Max verschwand nicht einfach nur, er hat nicht nur aufgehört zu existieren, sondern nach und nach schien es als ob er niemals existiert hatte.

Gerade jetzt, in dem Augenblick indem ich das hier aufschreibe und immer wieder durchlese, beginne ich selbst zu zweifeln, ob ich das Geschriebene wirklich aus meiner Erinnerung oder meiner Fantasie wiedergegeben habe. Doch macht das überhaupt einen Unterschied?