Mein modernes Möbelmarkt Märchen Teil 3

Drittes Kapitel – Per Sören erzählt

Auf diesen Handel ging ich natürlich gerne ein und erfuhr so von dem großen Geheimnis hinter dem Erfolg der Möbelkette:

Ihr Gründer, damals ein junger Mann Namens Ingvar, war schon als Kind sehr geschäftstüchtig gewesen und hatte sich ein ganz erkleckliches Taschengeld verdient indem er die abgelegenen Höfe der Nachbarschaft mit Zündhölzern aus der nächsten Stadt belieferte.

Die älteren Leute, die damals seine Kunden waren, luden ihn oft auf ein Glas Limonade in ihre Küchen ein und erzählten ihm Geschichten von früher und aus dem Reich der Fabelwesen. Zunächst hatte er nur aus Höflichkeit zugehört doch bald war ihm aufgefallen, wie sehr sich die Geschichten ähnelten, so dass er zu der Überzeugung kam, dass an der Sache etwas wahres dran sein müsste.

Also begann er mit offenen Augen durch die Wälder zu streifen und die erste Begegnung mit einem der weitverbreiteten Gnomlingen ließ nicht lange auf sich warten. Dann entdeckte er immer mehr Fabelwesen die er bald ansprach und die den freundlichen Jungen sogleich ins Vertrauen zogen.

So erfuhr er vom König der Trolle, der seit ewigen Zeiten der Herrscher über alle Fabelwesen war und dem sie alle gehorchen mussten.

Einige Jahre später, als Ingvar groß ins Möbelgeschäft einsteigen wollte, stieß er zunehmend auf Schwierigkeiten. Seine Möbel waren, so wie er sie sich erdacht hatten, in der Herstellung zu teuer, um sich gut zu verkaufen.

Also nutzte er sein Wissen um die Fabelwesen um dem König der Trolle eine Falle zu stellen. Als er diesen in seiner Gewalt hatte, mussten alle Fabelwesen ihm dienen und mit ihrer Hilfe, konnte er nicht nur sein Möbelgeschäft vor dem Ruin bewahren, sondern so günstig produzieren, dass er bald Filialen im ganzen Königreich und schließlich auf der ganzen Welt gründen konnte.

Damit beendete Per-Sören der Wichtelflike seine Erzählung und leerte meinen Porzellanfingerhut, den ich ihm als Becher angeboten hatte.

„Soll das heißen ihr müsst Zwangsarbeit leisten?“ – „Nein, das war nur ganz am Anfang so. Jetzt haben wir längst Gewerkschaften und einen Betriebsrat. Die meisten von uns sind ganz zufrieden so. Die Arbeit ist nicht allzu schwer und die Bezahlung ist sehr gut.“ Mit leicht glasigen Augen blickte er mich an und fügte hinzu: „Wir sind wie eine große Familie, es ist schön dazu zugehören.“ Dann stand er auf und lud sich sein Tragegestell auf den Rücken. „Herzlichen Dank für das Getränk. Aber jetzt muss ich leider weiter, sonst schaff ich mein Pensum nicht.“

Ich brachte ihn noch zur Tür und verabschiedete ihn herzlich, indem ich ihm mit Daumen und Zeigefinger vorsichtig die Hand schüttelte. Dann ging ich wieder Bett. Schlaf fand ich in dieser Nacht freilich keinen mehr.

Mein Modernes Möbelmarkt Märchen Teil 2

Zweites Kapitel – Eine Falle schnappt zu

Alsdann befestigte ich ein paar Meter dünner Drachenschnur an einem der Bleistifte. An das andere Ende band ich einen alten Fahrradkorb. Den Bleistift klebte ich mit doppelseitigem Klebeband auf den Boden. Grade so fest, dass er in der Lage war, das Gewicht des Korbes zu halten, aber doch so leicht, dass man ihn mit ein wenig Kraft würde lösen können. An die Schnur knüpfte ich noch ein Glöckchen, bevor ich die sie über dem Haken, der die Deckenlampe hielt, aufhängte. Und zwar so dass der Korb direkt über dem festgeklebten Bleistift baumelte.

Die richtige Klebkraft zu finden war nicht ganz leicht. Und in den ersten zwei Nächten gab es falschen Alarm, weil der Kleber sich von selbst löste. Aber schließlich erwies sich die primitive Falle als effektiv.

Mitten in der Nacht erwachte ich vom Geräusch der herabfallenden Glocke, eilte in die Stube, schaltete das Licht ein und entdeckte eine kleine Gestalt, etwa so hoch wie zwei Handbreit, die aufrecht in der Mitte unter dem Korb stand und mir mit großen Augen entgegenblickte.

„Wen haben wir denn da?“ fragte ich mir vergnügt die Hände reibend. „Jespersen der Name, Per-Sören Jespersen, sehr angenehm“, antwortete die Gestalt zu meiner großen Verblüffung.

Das Wesen hatte annähernd menschliche Züge, war aber am ganzen Körper von kurzem blondem Haar bedeckt welches entfernt an ein Hamsterfell erinnerte. Bekleidet war Per-Sören Jespersen mit einer blauen Hose und einem gelben Hemd. Auf Brusthöhe trug er ein kleines Namensschild. Ich musste mich ganz zu ihm herunter beugen, um es lesen zu können. Per-Sören stand darauf geschrieben und unter dem Namen waren einige europäische Flaggen abgebildet. Auf den Rücken geschnallt trug er eine Art Tragegestell, in dem bereits ein halbes Duzend Bleistifte steckten.

Eine Weile sahen wir uns nur an. Schließlich brach Per-Sören das Schweigen: „Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Aber zu dieser ausgeklügelten Falle kann ich nur gratulieren! So etwas erlebt man nur noch selten in diesen Tagen.“

„Du sprichst.“, stellte ich fest. „In der Tat und zwar fließend in drei verschiedenen Sprachen.“ Stolz deutete er auf die Flaggen auf dem Namensschild.

Inzwischen hatte ich mich etwas gefangen und traute mich die entscheidende Frage zu stellen: „Was bist du eigentlich? Und was tust du nachts in meiner Wohnung?“- „Ich bin ein Wichtelflinke. Wir sind ein wenig bekanntes Volk von Fabelwesen und werden üblicherweise der Gruppe der Überdäumlinge zugerechnet. Oh, und hier erfülle ich meine Aufgabe, die Bleistifte zurückzuholen.“ – „Moment“, erwiderte ich, „die Bleistifte gibt es umsonst. Die sind geschenkt. Die sind nicht zum zurückholen. Die brauche ich noch!“ „Du brauchst“, Per-Sören holte ein kleines Notizbuch hervor und blätterte kurz darin, „42 Bleistifte für dich alleine? Soviele hast du dir nämlich bloß im vergangenen Jahr ausgeliehen. Dass diese Stifte ein Geschenke sind, ist ein weit verbreiteter Irrtum, der, zugegeben, von meinem Arbeitgeber durchaus so gewollt ist. Aber auf Seite 72 der allgemeinen Geschäftsbedingungen steht ausdrücklich, dass die Bleistifte den Kunden nur leihweise zur Verfügung stehen. Demgemäß bin ich durchaus berechtigt, sie zurückzuholen.“

Wieder schwiegen wir eine Weile. „Verstehe,“ log ich und fragte dann: „Wie kommt es, dass ein Wichtel wie du für ein Möbelhaus Bleistifte einsammelt?“ – „Wichtelflinke! – Das ist eine lange, nicht unkopmlizierte Geschichte. Aber wenn du mir erlaubst, diesen Käfig zu verlassen und mir einen Schluck von dem vorzüglichen Obstbrannt aus deiner Küche anbietest, erzähle ich sie dir.“

Mein modernes Möbelmarkt Märchen – Teil 1

Es war einmal, und ist doch noch gar nicht so lange her, da gab es hoch im Norden ein großes Königreich mit stolzer Geschichte, das von ausgedehnten Seen inmitten undurchdringlicher Wälder bedeckt war. Diese Wälder waren die Heimat von somanch sonderbarer Art, wie Trollsteinern, Kubolden, Baumschraten, Irrwichtern, Gnomlingen, Bärfiesen, und Wichtelflinken. Sie alle lebten trotzt ihrer merkwürdigen Eigenheiten in anscheinender Eintracht miteinander und gingen den Menschen wo immer möglich aus dem Weg. (Die Menschen ihrerseits hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, die seltsamen Gestalten ihrer eigenen Fantasie zuzuschreiben und waren fast Ausnahmslos in der Lage diese völlig zu ignorieren, selbst wenn sie ihnen begegneten. )

Doch heute ist dieses Königreich vor allem für eine Kette von Einrichtunghäusern bekannt, die praktische und elegante Möbel zu sehr günstigen Preisen in Alle Welt verkauft. Die Wälder haben ihren Zauber verloren und sind größtenteils zu Baumplantagen geworden, die dieser Kette den Rohstoff für die beliebten Möbel liefern.

Und was ist aus den vielen Fabelwesen geworden? Nun, viele kamen mit der neuen Situation nicht zurecht, vor allem die Bärfiesen, die schon in uralten Fabeln Sturheit und Beharrlickeit verkörperten. Einige haben aber eingesehen, dass sie mit der Zeit gehen müssen und haben sich feste Jobs gesucht. Die meisten von denen arbeiten, natürlich, für besagte Möbelkette.

Sicher fragt ihr euch, woher ich das weiß. Nun, das begab sich folgendermaßen:

Erstes Kapitel – Ein unheimlicher Verdacht

Wie viele Leute in meinem Alter, habe auch ich die günstigen Angebote des besagten Unternehmens gerne in Anspruch genommen. Und ich habe es nicht geschafft, mich mit der Schreiberei über Wasser zu halten, indem ich jemals gratis Bleistifte ausgeschlagen hätte. Ihr wisst sicher, wovon hier die Rede ist.

Im selben Maße, in dem sich meine Einrichtung mit der Zeit vervollständigte, gewöhnte ich mich an die Annehmlichkeit, an jedem Fleck in meiner Bleibe einen kleinen Bleistift in Reichweite zu haben, falls es mir in den Sinn käme einen Gedanken zu notieren.

Doch irgendwann ging mir auf, dass sich die Zahl dieser Bleistifte mit der Zeit verringerte, obwohl ich nicht gerade selten mit frischer Beute aus der nächstgelegenen Möbelfiliale zurückkehrte. Zunächst schenkte ich diesem Umstand keinerlei Bedeutung. Ich bin ja nicht gerade für meine Ordnungsliebe berühmt geworden. Aber dennoch wuchs ein leiser Zweifel in mir heran, der mit der Zeit immer nagender wurde.

Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus und durchsuchte in aller Gründlichkeit meine Wohnung um sämtliche Bleistifte zusammen zu sammeln, die sich noch darin fanden. Es waren ganze neun. Nach einer sehr fundierten Schätzung, die ich sogleich anstellte, hätten es wenigstens dreißig sein müssen.

Diese Diskrepanz war so verblüffend, dass ich nicht umhin konnte, der Sache nachzugehen. Also machte ich mich sogleich auf den Weg, um einen Küchenrollenhalter ‚Kroken‘ und sieben weitere Bleistifte zu beschaffen. Alle sechzehn Bleistifte versah ich mit einer unauffälligen Markierung und verteilte sie wieder in meiner Wohnung.

In den folgenden Tagen machte ich es mir zur Angewohnheit, abends vor dem zu Bett gehen die Vollständigkeit der markierten Stifte zu kontrollieren. Bereits nach zwei Tagen musste ich den Verlust von zweien zur Kenntnis nehmen, die in der Küche und auf der Fensterbank im Wohnzimmer deponiert gewesen waren.

Ich muss zugeben, dass mich diese Entdeckung, obwohl ich sie nicht ganz unerwartet machte, zutiefst beunruhigte, ja geradezu um den Schlaf brachte. So kam es wenige Tage später, dass ich nach einigen Stunden nervösen Halbschlafs aufstand um einen Schluck Wasser zu trinken. Als ich im Gang das Licht einschaltete, meinte ich einen kleinen Schatten in meinem Schreibzimmer verschwinden zu sehen. Ich ging sofort hinterher um den kleinen Raum gründlich zu durchsuchen, kehrte aber ohne Erfolg in mein aufgewühltes Nachtlager zurück und schrieb die Erfahrung meinem nervösen, übernächtigten Zustand zu.

Doch gleich am nächsten Morgen sah ich nach meinen Bleistiften und als drei weitere fehlten, allein zwei aus der Schreibstube, war mir klar, dass meine übermüdeten Sinne mir keinen Streich gespielt hatten.

Meine Verwirrung wandelte sich schnell in gerechte Wut. Irgendjemand, oder Etwas, drang nachts in meine Wohnung ein um meine Bleistifte zu stehlen. Ich sann auf Rache!

The Gathering

Es begann an einem eiskalten Wintermorgen. Die träge Sonne hatte sich zu dieser frühen Stunde noch kaum über den Horizont erhoben, geschweige denn einen Weg durch den Frühnebel gebahnt, der über Nacht aus dem Flusstal herauf vorgedrungen war.

Doch auf dem Vorplatz hatte sich bereits eine kleine Gruppe von Menschen versammelt, als ich fröstelnd dazu stieß. Anfangs am Rand stehend, sah ich mich bald von einer großen Menschentraube umgeben, da sich Augenblick um Augenblick weitere Neuankömmlinge zu uns gesellten.

Einige kamen schweigend und alleine, so wie ich. Andere begrüßten mit großem Hallo ihre Freunde und alten Bekannten. Wieder andere trafen bereits zu zweit oder zu dreien ein und nicht wenige hatten sogar ihre Kinder mit hergenommen.

Eine gespannte Erwartung knisterte in der eisigen Winterluft. Und – ja – es war auch so etwas wie Vorfreude zu spüren. Jeder hatte das untrügliche Gefühl, Teil von etwas ganz Großem zu sein.

Doch als die Zeit verstrich ohne dass das ersehnte Ereignis eintrat, kam Unruhe auf, fast schon Unmut ob der Ungerechtigkeit, in dieser Kälte über die versprochene Stunde hinaus warten zu müssen.

Die Spannung jedoch löste sich Augenblicklich und musste der Euphorie weichen, als die Türen sich endlich öffneten und wir, sanft drängelnd, in den Laden stürmen konnten. Immerhin gab es endlich mal wieder Computer und Zubehör bei Aldi und außerdem Schlittschuhe und Winterklamotten!

Nachts um halb drei

Egon kniff seine Augen zusammen und versuchte schon zum dritten mal herauszufinden, welche zwei Zahlen in der sechsten Spalte noch fehlten. Diesmal kam er bis zur vier, bevor ihn der Sekundenschlaf erneut überwältigen konnte. Zu einer vernünftigen Uhrzeit hätte er für dieses Rätsel höchstens zehn Minuten gebraucht aber jetzt, mitten in der Nacht, kämpfte er schon fast seit zwei Stunden damit.

Über neun Jahre Jurastudium und Referendariat und dann das! Immerhin blieb es ihm so erspart Taxi zu fahren oder Fritten zu verkaufen. Er dachte vor allem an seinen Ex-Komilitonen Norbert, der ähnlich gruselige Arbeitszeiten in Kauf nehmen musste um das unbezahlte Praktikum zu finanzieren, das er für die letzte Hoffnung auf eine Fortsetztung seiner juristischen Karriere hielt.

Egon war wohl wieder eingenickt, denn als das Telefon klingelte, hatte er das Gefühl geweckt zu werden.

Der Bildschirm neben dem Telefon zeigte automatisch die Daten von Herrn Berthold Grieslich an, als den der Sprachcomputer des Callcenters den Anrufer identifiziert hatte.

Egon schüttelte noch einmal kräftig den Kopf, um ein wenig wacher zu werden, bevor er das Gespräch mit dem vorgeschriebenen Satz begann:

„Willkommen bei der Advokuranzia, Sie Sprechen mit Egon Mehrtens, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Sind Sie wirklich ein richtiger Anwalt?“, fragte die misstrauische Stimme eines älteren Mannes (64 Jahre, Frührentner, wie Egon mit einem Blick auf den Monitor feststellen konnte).

„Ich bin Volljurist und habe die Zulassung der Hamburger Anwaltskammer als Rechtsanwalt zu arbeiten“, antwortete Egon bemüht freundlich, „Was kann ich denn für Sie tun?“.

„Na dann können Sie ja nicht viel taugen als Anwalt, wenn Sie um diese Zeit am Telefon sitzen müssen.“

Das Egon dem Volljuristen auf diese Anschuldigung keine passende Erwiderung einfiel, war bezeichnend und nicht nur der Uhrzeit geschuldet.

„Aber alles was ich Ihnen gleich sage ist doch vertraulich und Sie dürfen es nicht weitererzählen, oder?“

„Selbstverständlich!“ schöpfte Egon neue Hoffnung.

„Und dieses Gespräch wird auch nicht überwacht oder aufgezeichnet?“ – „Nein, es sei denn wenn Sie das ausdrücklich wünschen.“

„Unterstehen Sie sich!“ knurrte Grieslich, bevor wieder eine kurze Pause entstand. „Es ist nämlich so“, machte er dann weiter, „ich braüchte einen juristischen Rat, weil ich gerade meinen Nachbarn umgebracht habe.“

„WAS haben Sie?“, fragte Egon, plötzlich erheblich wacher als zuvor.

„Es war Notwehr. Das alte Scheusal hat mich provoziert!“ fuhr Grieslich ungerührt fort.

„Das ist aber nicht ganz das Selbe“, musste Egon da einwenden.

„Es spielt auch gar keine Rolle. Ich wollte Sie eigentlich nur fragen, wie lange ich die Leichen verstecken muss, bis die Sache verjährt ist.“

„Mord verjährt nicht“, sagte Egon automatisch bevor das entscheidende Detail sein Bewußsein erreichte. „Haben Sie Leichen gesagt?“

„Ich habe gesagt, dass es Notwehr war!“ korrigierte Grieslich.

„Leichen? Plural?“

„Seine Frau ist natürlich auch tot, aber das war eher ein Unfall“, erklärte der Alte in sachlichem Tonfall. „Sie meinen also, ich sollte lieber das bessere Versteck wählen, auch wenn das jetzt mehr Arbeit bedeutet?“

Egon dachte nach. Das war ein Fall. Ein richtiger Fall. Sein erster richtiger Fall! Die Aufregung kribbelte jetzt durch seinen ganzen Körper.

„Herr Grieslich“, sagte er dann in einem Tonfall, den er für autoritär und würdevoll hielt, „als Ihr Anwalt muss ich Ihnen dringend raten, am Tatort keine Veränderungen vorzunehmen und sich umgehend mit der Polizei in Verbindung zu setzten.“

„Pah!“, erwiderte Grieslich verächtlich, „Ich soll mich stellen? Was Besseres fällt Ihnen nicht ein? Ich hatte ja schon befürchtet, dass man um diese Zeit keinen besonders gewieften Anwalt ans Telefon bekommt.“

„Dann bitte ich Sie wenigstens nichts Unüberlegtes zu tun, bis ich bei Ihnen bin! Stimmt die Adresse?“ Egon las die Anschrift vom Bildschirm ab.

Herr Grieslich ging nicht darauf ein sondern meinte nur nachdenklich: „Sie wollen herkommen? Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Zusammen können wir sie tragen und hinterlassen keine Schleifspuren…“, und dann: „Aber wer geht dann bei Ihnen ans Telefon, wenn Sie hier sind? Ich möchte ja nicht, dass Sie meinetwegen noch Ärger bekommen.“

Wenn er dem Alten gleich wirklich beim Verstecken von zwei Leichen helfen würde, wäre das Verlassen des Telefons sicher der kleinere Ärger, dachte Egon. Aber davon sagte er nichts, sondern:“Bitte bleiben Sie wo Sie sind und rühren Sie nichts an, bis ich bei Ihnen bin. Ich mache mich sofort auf den Weg!“

„Einen Moment noch!“, rief Grieslich, „ich glaube mein Neffe möchte Sie sprechen.“ – „Neffe??“, fragte Egon.

Aber da krähte schon eine andere, ihm gar nicht unbekannte Stimme aus dem Höhrer: „Mensch Egon, du alte Pappnase. Da haben wir dich ja richtig doll drangekriegt! Aber mach dir nichts draus, Onkel Bert war schon immer ganz groß im Leute verarschen!“

„Ich hasse meinen Job“, war Egons wütender Gedanke, mit dem er die Verbindung unterbrach.

Doch als er sich ein wenig beruhigt hatte, konnte er sogar schon selbst über den gelungenen Scherz schmunzeln. Dann wandte er sich wieder dem Rätsel zu. Sieben Minuten später hatte er es gelöst.

Ist weiß eine Farbe?

Weiß ist die Farbe des Anfangs. Die Farbe der unbeschriebenen Blätter und der ungemalten Bilder.

Die Farbe der ungeschorenen Wolle und des ungefallenen Regens in den Wolken.

Weiß ist die Farbe des ungetauten Schnees.

In Europa gilt weiß als die Farbe der Unberührtheit. In Asien hingegen ist weiß die Farbe des Todes. Aber in Asien glaubt man an die Wiedergeburt. Dort ist jeder Tod ein neuer Anfang.

Weiß ist die Farbe der Zukunft und der unbegrenzten Möglichkeiten.

Weiß ist nicht nur eine Farbe, weiß ist die Summe aller Farben.

Der Springer

Es war eine kalte, klamme Nacht im Dezember und ich war in sonderbarer Stimmung unterwegs, auf dem Heimweg von einer dieser wenig besinnlichen Weihnachtsfeiern, die man um diese Jahreszeit über sich ergehen lassen muss.

Es war spät und nur wenige Menschen begegneten mir in den engen, nebeligen Gassen der Altstadt.

Ich erblickte ihn bereits bevor ich die Brücke betrat. Er stand ungefähr in der Mitte, ausserhalb des Geländers, an dem er sich mit beiden Armen hinter seinem Rücken festklammerte. Unter ihm rauschte die reißende Strömung des dunklen, kalten Flusses, der zu dieser Zeit viel Wasser führte.

Ich wußte, was ich zu tun hatte. Und ich weiß, dass ich es an jedem anderen Tag auch genau so gemacht hätte. Doch an diesem Abend konnte ich es nicht, sondern tat etwas völlig anderes.

Ohne Eile ging ich zu ihm hin und stellte mich ein paar Schritte neben ihm an das Geländer. „Hallo!“ sagte ich nach einer Weile.

Er sah mich an, und ich werde diesen ersten Blick nie mehr vergessen, solange ich lebe. Diese Mischung aus Wut, Trauer und Verzweiflung aber auch einem winzig kleinen Funken Hoffnung…

„Kommen Sie nicht näher“, sagte er, obwohl ich mich nicht gerührt hatte. „Tue ich nicht“, versprach ich ihm und schwieg.

„Versuchen Sie nicht, es mir auszureden!“ rief er nach einer Weile, sichtlich irritiert, dass ich keine Anstalten machte, meinen Teil des Dialoges dem Drehbuch gemäß abzuliefern. Ich ließ mir Zeit mit meiner Antwort, die erneut so gar nicht in das Konzept dieses unglücklichen Menschens passen sollte:“Das muss ich gar nicht. Du springst ja doch nicht.“

„Und ob ich springe! Sie werden schon sehen! Kommen Sie nicht näher!“, war die aufgebrachte Erwiderung. Eine Zeit lang war nichts zu hören außer den gedämpften Geräuschen der Stadt und dem gleichförmigen Rauschen der Strömung. Dann fragte er:“Wollen Sie gar nicht wissen, warum ich es tue?“.

In diesem Moment spürte ich, wie dieses seltsame, böse Gefühl völlig von mir Besitz ergriff und meine letzten Skrupel überweltigte. Ich entgegnete:“Lass mich raten… Sie hat dich verlassen.“ Seine Miene ließ keinen Zweifel daran, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. „Ich wußte es!“ setzte ich nach, „Und ich weiß sogar warum. Aus dem selben Grund, aus dem du niemals springen wirst. Weil du ein Weichei bist! Einer der wirklich springen will steigt über das Geländer und springt! Der steht nicht stundenlang herum und wartet auf jemanden zum Reden.“ Ich ließ eine kurze Pause, bevor ich fortfuhr:“Glaubst du, sie bekommt Mitleid, wenn sie davon erfährt und kommt zurück zu dir?  – Vergiss es!“

Wieder sah er mich an. Mit einem Blick ganz ähnlich dem ersten, genau so unvergesslich. Wieder Wut, wieder Trauer. Verzweiflung vor allem. Dann drehte er sich weg und sprang.

Ich sah seinen Kopf noch einmal kurz auftauchen, schon viele Meter stromabwärts, bevor ihn ein Strudel endgültig in die Tiefe zog.

Eine Weile geschah nichts. Dann hörte ich eilige Schritte auf mich zukommen. Es war eine Frau, Ende vierzig, Anfang fünfzig. „Machen Sie sich keine Vorwürfe, ich habe alles gesehen. Sie haben versucht es ihm auszureden.“

Manchmal, an Tagen wie heute hole ich den Artikel hervor, den ich aus dem Lokalteil der Zeitung ausgeschnitten habe. Denn obwohl ich mich ganz genau an jedes Wort, jedes Detail erinnern kann, kommt mir das Erlebte manchmal so unwirklich vor, als hätte ich es nur geträumt.

(Ähnlichkeiten mit wahren Begebenheiten, lebenden oder toten Personen oder anderen fiktiven Geschichten sind zufällig, nicht gewollt und mir nicht bekannt.)

Testosteron

Neulich lag ich träge auf meinem Sofa und zapp(el)te unmotiviert durch alle Kanäle des Kabelfernsehens. Schließlich blieb ich an einem dieser unseriösen Wissenschaftsmagazine des unseligen Privatfernsehens hängen, die ich so gerne sehe, und lernte ein paar neue Sachen über Testosteron:

  1. Wieviel Testosteron man hat, sieht man an der Fingerlänge. Langer Ringfinger (länger als der Zeigefinger) heißt viel Testosteron. Kurzer Ringfinger = Sissi.
  2. Testosteron = Motivation.
  3. Mehr Bewegung, mehr Testosteron.

Da mein Ringfinger nur bei sehr günstigen Lichtverhältnissen länger als der Zeigefinger erscheint, und ich meistens lethargisch auf der Couch liegend dem Bildungsfernsehen zweiter Klasse fröhne, während sich meine Libido in einer dunklen Kellerecke versteckt (vielleicht wars auch ne Spinne; war jedenfalls nicht sehr groß das), muss ich wohl davon ausgehen, dass mein persönlicher Testosteronvorrat unmittelbar nach Ausbildung meiner prächtigen Körperbehaarung erschöpft war.

Dem Problem könnte man natürlich wieder abhelfen, durch mehr Sport. Dazu fehlt mir aber die Motivation (kann ich nix für, liegt am Testosteron, wie mein Ringfinger beweist!).

Ich werde mir jetzt also mal so ein Testosteronpflaster (gibts im Radsportfachgeschäft unter der Ladentheke) auf’n Sack kleben und drauf warten, dass ich Lust bekomme.

Auf Joggen zum Beispiel. Oder Radfahren…

Joggen ist doof

Stimmt natürlich nicht. Joggen ist total toll. Joggen ist Energie. Joggen ist Jugendlichkeit, Fitness und damit letztendlich auch Schönheit. Joggen ist die moralische Überlegenheit über alle Nordicwalker.

Das doofe an Joggen ist, 30 Minuten pro Monat bringt nix. Höchstens Muskelkater. Und das ist ja wenigstens Euschmerz. Runners-High post mortem sozusagen.

Aber im Ernst, eine halbe Stunde pro Monat ist gar nix. Da wird man jedes mal langsamer. Da ist man das allerletzte. Bis man den nächsten Walker überholt wenigstens. Aber auch das gelingt nur noch mit Mühe.

Trägheit. Die Trägheit der Masse! Und mit der Trägheit nimmt die Masse sogar noch zu. Das ist doch paradox. Das ist eben der Unterschied zwischen Biologie und Physik. In der Physik ist und bleibt die Masse eines Köpers in Ruhe minimal.

Ein Toifelskreis.

Da hilft eben nur Disziplin. Selbstdisziplin. Trainingsplan an der Klotür und Süßigkeiten im Safe mit dem Zeitschloss. Und natürlich Fernsehverbot.

Leider kann ich nicht sofort anfangen. Jetzt ist ja EM. Danach ist dann gleich Olympia. Und dann ist die Saison eh schon gelaufen. Im Gegensatz zu mir.

Dann müßte ich nur mal gut über den Winter kommen. Und im Frühling dann richtig früh einsteigen. Mit Disziplin. Selbstdisziplin. Trainigsplan an der Klotür…