Hochgefühl (Vorsicht, kitschig)

Es ist kalt. Die eisige Luft brennt auf der Haut im Gesicht und bei jedem Atemzug in den Lungen. Es ist ein angenehmer, willkommener Schmerz der ein intensives Gefühl von Lebendigkeit bewirkt.

Das Herz schlägt schnell. Es beruhigt sich nur langsam in der dünnen Luft. Der Aufstieg war weder leicht noch ungefährlich. Doch derAusblick entschädigt für alle Anstrengung.

Unberührter Schnee erstreckt sich von der Sohle des Hochtals bis hinauf zu den Bergkämmen und Gipfeln. Ein Wetterwechsel hat seine Vorhut geschickt. Weiße Wölkchen, sind bemüht über den Grat zu klettern. Doch noch steht die Sonne ein paar Fingerbreit über den höchsten Gipfeln am blauen Himmel und strahlt, zeichnet dunkle Schatten in den Schnee.

Ein schüchternes Lächeln erobert vorsichtig die gefrorenen Lippen, und breitet sich schließlich über das ganze Gesicht aus. Befangen zwischen begeistertem Stolz und demütiger Dankbarkeit, in diesem Augenblick hier sein zu dürfen. Es gilt den Moment in sich aufzunehmen und tief im Innern festzuhalten.

Um ihn mitzunehmen und hinunter zu tragen, zurück in die  unruhige, laute, betriebsame Welt des Alltäglichen. Um sich dort von ihm tragen zu lassen, durch die hektischen Zeiten von Tag zu Tag zu Tag.

Bis günstige Umstände es wieder erlauben, hinaus zu gehen und hinauf zu steigen, dem nächsten Gipfel entgegen.

Mein Freund der Märchenprinz

(Achtung, langer Text)

Heute möchte ich euch von einem Freund erzählen, der verschwunden ist. Die Geschichte ist wahr, aber sie steht im Begriff, sich aufzulösen. Wenn ihr das lest dürfte nichts mehr von ihr übrig sein, was sich beweisen ließe. Ihr werdet glauben, dass es sich um ein Märchen handelt.

Ich lernte ihn auf einer dieser fürchterlich scheinheiligen Wohltätigkeitsveranstaltungen für Prominente kennen auf die mich mein Agent immer wieder mitschleppte um Kontakte zu knüpfen.

Er wurde mir als Prinz Maximilian von Feuchtenfelde vorgestellt. Er ist, war, ein Mann der unglaublich gut aussah. Sein Gesicht war von klaren markanten Zügen geprägt, und strahlte trotzdem eine gewisse Sanftheit und Sensibilität aus, die auf jeden sehr anziehend wirkte. Es wurde eingerahmt von kinnlangem goldenen Haar (und ihr meint jetzt sicher, dass es ‚blondes Haar‘ heißen sollte, aber das wäre unzutreffend). Der Körper wirkte durchtrainiert und athletisch, ohne dass seine Art sich zu kleiden darauf angelegt war das zu unterstreichen. Man konnte sich ohne weiteres vorstellen, wie dieser Mann in glänzender Rüstung auf einem prächtigen Schimmel los ritt um einen Drachen zu erschlagen, wenn ihr versteht worauf ich hinaus will. Der einzige kleine Makel an seiner Erscheinung, wenn man so möchte, waren die Augen, die im Vergleich zum Rest etwas kalt und ausdruckslos wirkten, geradezu distanziert. Zu diesen Augen passte der etwas schwache Händedruck, der sich unerwartet kühl anfühlte.

In dem kurzen, inhaltlich belanglosen Gespräch das der Vorstellung folgte, spürten wir gleich, dass wir uns sympathisch waren. Wohl weil wir uns beide etwas fremd und deplaziert auf solchen Veranstaltungen fühlten.

Im Verlauf des Abends fiel mir auf, dass sich der Prinz ständig mitten in einer Traube von jungen Frauen zu befinden schien, die alle versuchten möglichst nahe bei ihm zu stehen und möglichst laut über seine Scherze zu lachen. Bei genauerer Beobachtung gewann ich den überraschenden Eindruck, dass ihm diese Situation unangenehm zu sein schien.

Schwul – dachte ich mir. Ich erkannte jedoch bald, dass ich damit falsch lag, als ich beobachtete wie ein junger aufstrebender Maler, an dessen Orientierung es keinen Zweifel geben konnte, sein Glück versuchte, ohne auch nur die geringste Reaktion hervor zu rufen.

Meine Neugierde war geweckt und als ich sah, wie der unglückliche Prinz, mit dem ich in dieser Situation nicht ungern getauscht hätte, von den ihn bedrängenden Frauen beinahe schon in eine Ecke gedrängt wurde, sprang ich ihm helfend zur Seite. Indem ich das Gespräch geschickt von der zeitgenössischen Fotografie zur Sportfotografie lenkte und dann über Fußball, Motorsport und Getriebetechnik zur Verkehrspolitik steuerte, konnte ich eine Grazie nach der anderen zum Aufgeben bewegen. Mit jeder, die sich entnervt einer andern Gesprächsgruppe zu wandte, wurde Max, wie ich ihn bald schon nennen durfte, entspannter. Als wir am Ende des Abends nur noch mit zwei anderen Männern zusammenstanden, mit denen wir eine harmlose Diskussion über den Sinn und Unsinn der Autobahnprivatisierung führten, sah er mich direkt an und sein sonst so ausdrucksloser Blick strahlte eine tiefe, intensive Dankbarkeit aus. Von diesem Moment an waren wir Freunde.

Wir verbrachten viel Zeit zusammen. Wir spielten Tennis oder Golf und verbrachten gemeinsame Wochenenden auf seiner Yacht oder in einer der zahlreichen Ferienanlagen der Familie. In der Öffentlichkeit bildeten wir fast eine symbiotische Gemeinschaft. Mein Talent Frauen in die Flucht zu schlagen kompensierte seine nahezu magische Anziehungskraft auf das sanfte Geschlecht soweit, dass es ihm nicht zu viel wurde. Dafür konnte ich mich über das eine oder andere leidenschaftliche Abenteuer freuen, dass ich ohne meine enge Freundschaft zu ihm nicht mal im Traum hätte erleben können. Mir war natürlich klar, dass es diesen Damen nicht wirklich um mich ging. Die meisten versuchten über mich an Max heranzukommen. Aber ich kann euch sagen, hin und wieder gibt es schlimmeres, als einfach nur benutzt zu werden. Max hingegen zeigte an dergleichen weiterhin keinerlei Interesse. Sämtliche Annährungversuche ließ er stets höflich aber unmissverständlich ins Leere laufen.

Eines Tages aber kam ich durch einen Zufall dahinter, dass er doch hin und wieder die Gesellschaft gewisser Frauen suchte. Für diese Treffen gab es strenge Regeln und die Damen wurden sehr gut dafür bezahlt, dass sie diese exakt befolgten. Die wichtigste Regel von allen lautet: Der Prinz durfte niemals, unter keinen Umständen, auf den Mund geküsst werden.

Ein paar Abende später, als wir Rotwein trinkend dem Kaminfeuer zusahen, fühlte ich mich mutig genug das Thema anzusprechen. Maximilian antwortete lange nichts, sondern starrte nur auf den Wein, den er in seinem Glas kreisen ließ. Schließlich fing er an zu erzählen: Hexen, sagte er, die gibt es wirklich. Und ich, ich bin nicht immer ein Prinz gewesen.

Du kennst doch das Märchen vom Froschkönig, oder? – Ich nickte. – Nun die Hexen, es waren zwei, kannten es wohl auch. Über ihr Motiv kann ich nur spekulieren.

Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass ich ein Frosch war und mich an ein Seerosenblatt klammerte. Einen Moment später stehe ich als nackter Mann am Ufer und zwei Frauen mit langen Mänteln und spitzen Hüten lachen mich aus.

Vielleicht war es ein Spiel, eine Wette oder eine Art Wettbewerb. Sie erklärten mir nur, ich sei jetzt ein Prinz, wohnte in diesem Schloss, das gerade in dem Augenblick aus dem Nichts erschien, und könne von nun an ein schönes Leben führen. – An dieser Stelle machte er eine kurze Pause.

– Aber, sagten die Hexen, ein Kuss würde den Zauber brechen und alles wäre wie vorher und ich würde den Rest meiner Tage als Frosch verbringen, bis ein Storch, eine Schlange oder ein Geländewagen mir ein unrühmliches Ende bereiten würde.

Die Hexen lachten weiterhin sehr viel während sie mir das ausmalten.- Wieder gab es eine Pause.-

Du hälst mich für völlig verrückt, nicht wahr? –

Naja, antwortete ich. Es ist schon eine merkwürdige Geschichte. Was ist mit deiner Familie? Dein Stammbaum reicht hunderte von Jahren zurück. Du hast Verwandtschaft in allen Teilen Europas. Es gibt überall Unterlagen darüber. – Max stieß ein kurzes sarkastisches Lachen aus. – Ja, die Einträge gibt es. Urkunden, Kirchenbücher, alles was du sagst. Die Einträge mögen Jahrhunderte alt sein, aber sie stehen erst seit ein paar Jahren in diesen Büchern! Meine Eltern und Großeltern sind angeblich schon gestorben. Geschwister habe ich nicht. Für die Adelsgeschlechter Europas kommt es auf einen Cousin mehr oder weniger wirklich nicht an.

Ich kann nicht sagen, dass ich seine Geschichte für wahr hielt. Aber er konnte mich davon überzeugen, absolut und vollkommen überzeugen, dass er es glaubte was er mir gerade erzählt hatte. Und ich konnte das respektieren.

Nach unserem Gespräch ging das Leben weiter wie davor. Wenn sich überhaupt etwas geändert hatte, dann war unser Vertrauen zueinander noch tiefer geworden. Die Veränderung kam, als ich die Gelegenheit bekam für eine Auftragsarbeit in Südamerika zu recherchieren. Wir hatten davon geredet zusammen zu fahren, aber gewisse Verpflichtungen verhinderten das.

In den ersten Tagen nach meiner Abreise telefonierten wir noch häufig miteinander, aber dann wurde es ruhiger bis wir schließlich nur noch ab und zu kurze Emails tauschten.

Als ich drei Monate später wieder zurück war, rief ich ihn an. Er freute sich sichtlich von mir zu hören und sagte dass er mich unbedingt treffen müsste.

– Ich glaube, ich bin verliebt! – sagte er mir, noch ehe ich ihn richtig begrüßen konnte. Die nächste halbe Stunde lang schwärmte er in so ungehmmter Kitschigkeit, dass ich euch die Einzelheiten hier ersparen möchte. Dererlei ist schon oft genug geschrieben worden. Am Ende jedenfalls fragte er mich um Rat.

Ich dachte eine Weile nach. – Ich denke, du hast drei Möglichkeiten – sagte ich ihm. – Wenn du wirklich glaubst, ein verzauberter Frosch zu sein, dann solltest du verschwinden. Liebe ist ein sehr starkes Gefühl, aber sie geht von alleine wieder weg, wenn man ihrer Flamme die Nahrung entzieht.

Stattdessen könntest du sie aber auch ins Vertrauen ziehen. So wie du es mir gesagt hast. Wenn ihr nur auf das Küssen verzichten müsst um zusammen zu sein, habt ihr vielleicht eine Chance. Aber das kann natürlich leicht daneben gehen.

Falls es aber einen irgendeinen Zweifel an der Geschichte mit der Verwünschung gibt, eine Möglichkeit, dass du dir das ganze doch nur einredest, dann solltest du es vielleicht einfach drauf ankommen lassen. – Er dankte mir für meine, wie er es ausdrückte, profunde Analyse und sagte – Ich will nicht wieder zum Frosch werden. Nicht nach dem ich ein Mensch war. Ich hasse nichts so sehr wie kaltes Wasser!

Aber ich kann sie auch nicht einfach aufgeben. Ich muss nachdenken. Ich melde mich bei dir, wenn ich zu einer Entscheidung gekommen bin. –

Er brachte mich noch zur Tür und zum Abschied umarmten wir uns lange. Als ich in meinen Wagen stieg, blickte ich mich noch einmal um und er winkte mir zu. Und danach sah ich ihn nie wieder.

Zunächst hoffte ich, dass alles gut war. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass zwei Menschen aus dem Leben verschwinden, weil sie sich gefunden haben. Vielleicht, dachte ich, ist er auch meinem Rat gefolgt und fortgefahren um alleine zu trauern. Aber schnell wurde mir klar, das etwas Entscheidendes nicht mehr stimmte. Ein Artikel über Prinz Maximilian von Feuchtenfelde, den ich aus einem Boulevardmagazin ausgeschnitten und neben meinem Schreibtisch aufgehängt hatte, handelte plötzlich nicht mehr von ihm sondern von einem Vergleich zwischen Kate Middleton und Daniel Westling nach dem Motto ‚welches Königshaus bekommt das bessere Schwiergerkind‘. Auch meine Erinnerung an ihn schien immer vager und verschwommener zu werden.

Da wurde meine Sorge so groß, dass ich mich unverzüglich auf den Weg zu seinem Schloss machte. Aber der Weg, an den ich mich als asphaltierte Straße zu erinnern glaubte, endete in einer sumpfigen Wiese. Max verschwand nicht einfach nur, er hat nicht nur aufgehört zu existieren, sondern nach und nach schien es als ob er niemals existiert hatte.

Gerade jetzt, in dem Augenblick indem ich das hier aufschreibe und immer wieder durchlese, beginne ich selbst zu zweifeln, ob ich das Geschriebene wirklich aus meiner Erinnerung oder meiner Fantasie wiedergegeben habe. Doch macht das überhaupt einen Unterschied?

Mein modernes Möbelmarkt Märchen Teil 3

Drittes Kapitel – Per Sören erzählt

Auf diesen Handel ging ich natürlich gerne ein und erfuhr so von dem großen Geheimnis hinter dem Erfolg der Möbelkette:

Ihr Gründer, damals ein junger Mann Namens Ingvar, war schon als Kind sehr geschäftstüchtig gewesen und hatte sich ein ganz erkleckliches Taschengeld verdient indem er die abgelegenen Höfe der Nachbarschaft mit Zündhölzern aus der nächsten Stadt belieferte.

Die älteren Leute, die damals seine Kunden waren, luden ihn oft auf ein Glas Limonade in ihre Küchen ein und erzählten ihm Geschichten von früher und aus dem Reich der Fabelwesen. Zunächst hatte er nur aus Höflichkeit zugehört doch bald war ihm aufgefallen, wie sehr sich die Geschichten ähnelten, so dass er zu der Überzeugung kam, dass an der Sache etwas wahres dran sein müsste.

Also begann er mit offenen Augen durch die Wälder zu streifen und die erste Begegnung mit einem der weitverbreiteten Gnomlingen ließ nicht lange auf sich warten. Dann entdeckte er immer mehr Fabelwesen die er bald ansprach und die den freundlichen Jungen sogleich ins Vertrauen zogen.

So erfuhr er vom König der Trolle, der seit ewigen Zeiten der Herrscher über alle Fabelwesen war und dem sie alle gehorchen mussten.

Einige Jahre später, als Ingvar groß ins Möbelgeschäft einsteigen wollte, stieß er zunehmend auf Schwierigkeiten. Seine Möbel waren, so wie er sie sich erdacht hatten, in der Herstellung zu teuer, um sich gut zu verkaufen.

Also nutzte er sein Wissen um die Fabelwesen um dem König der Trolle eine Falle zu stellen. Als er diesen in seiner Gewalt hatte, mussten alle Fabelwesen ihm dienen und mit ihrer Hilfe, konnte er nicht nur sein Möbelgeschäft vor dem Ruin bewahren, sondern so günstig produzieren, dass er bald Filialen im ganzen Königreich und schließlich auf der ganzen Welt gründen konnte.

Damit beendete Per-Sören der Wichtelflike seine Erzählung und leerte meinen Porzellanfingerhut, den ich ihm als Becher angeboten hatte.

„Soll das heißen ihr müsst Zwangsarbeit leisten?“ – „Nein, das war nur ganz am Anfang so. Jetzt haben wir längst Gewerkschaften und einen Betriebsrat. Die meisten von uns sind ganz zufrieden so. Die Arbeit ist nicht allzu schwer und die Bezahlung ist sehr gut.“ Mit leicht glasigen Augen blickte er mich an und fügte hinzu: „Wir sind wie eine große Familie, es ist schön dazu zugehören.“ Dann stand er auf und lud sich sein Tragegestell auf den Rücken. „Herzlichen Dank für das Getränk. Aber jetzt muss ich leider weiter, sonst schaff ich mein Pensum nicht.“

Ich brachte ihn noch zur Tür und verabschiedete ihn herzlich, indem ich ihm mit Daumen und Zeigefinger vorsichtig die Hand schüttelte. Dann ging ich wieder Bett. Schlaf fand ich in dieser Nacht freilich keinen mehr.

Mein Modernes Möbelmarkt Märchen Teil 2

Zweites Kapitel – Eine Falle schnappt zu

Alsdann befestigte ich ein paar Meter dünner Drachenschnur an einem der Bleistifte. An das andere Ende band ich einen alten Fahrradkorb. Den Bleistift klebte ich mit doppelseitigem Klebeband auf den Boden. Grade so fest, dass er in der Lage war, das Gewicht des Korbes zu halten, aber doch so leicht, dass man ihn mit ein wenig Kraft würde lösen können. An die Schnur knüpfte ich noch ein Glöckchen, bevor ich die sie über dem Haken, der die Deckenlampe hielt, aufhängte. Und zwar so dass der Korb direkt über dem festgeklebten Bleistift baumelte.

Die richtige Klebkraft zu finden war nicht ganz leicht. Und in den ersten zwei Nächten gab es falschen Alarm, weil der Kleber sich von selbst löste. Aber schließlich erwies sich die primitive Falle als effektiv.

Mitten in der Nacht erwachte ich vom Geräusch der herabfallenden Glocke, eilte in die Stube, schaltete das Licht ein und entdeckte eine kleine Gestalt, etwa so hoch wie zwei Handbreit, die aufrecht in der Mitte unter dem Korb stand und mir mit großen Augen entgegenblickte.

„Wen haben wir denn da?“ fragte ich mir vergnügt die Hände reibend. „Jespersen der Name, Per-Sören Jespersen, sehr angenehm“, antwortete die Gestalt zu meiner großen Verblüffung.

Das Wesen hatte annähernd menschliche Züge, war aber am ganzen Körper von kurzem blondem Haar bedeckt welches entfernt an ein Hamsterfell erinnerte. Bekleidet war Per-Sören Jespersen mit einer blauen Hose und einem gelben Hemd. Auf Brusthöhe trug er ein kleines Namensschild. Ich musste mich ganz zu ihm herunter beugen, um es lesen zu können. Per-Sören stand darauf geschrieben und unter dem Namen waren einige europäische Flaggen abgebildet. Auf den Rücken geschnallt trug er eine Art Tragegestell, in dem bereits ein halbes Duzend Bleistifte steckten.

Eine Weile sahen wir uns nur an. Schließlich brach Per-Sören das Schweigen: „Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Aber zu dieser ausgeklügelten Falle kann ich nur gratulieren! So etwas erlebt man nur noch selten in diesen Tagen.“

„Du sprichst.“, stellte ich fest. „In der Tat und zwar fließend in drei verschiedenen Sprachen.“ Stolz deutete er auf die Flaggen auf dem Namensschild.

Inzwischen hatte ich mich etwas gefangen und traute mich die entscheidende Frage zu stellen: „Was bist du eigentlich? Und was tust du nachts in meiner Wohnung?“- „Ich bin ein Wichtelflinke. Wir sind ein wenig bekanntes Volk von Fabelwesen und werden üblicherweise der Gruppe der Überdäumlinge zugerechnet. Oh, und hier erfülle ich meine Aufgabe, die Bleistifte zurückzuholen.“ – „Moment“, erwiderte ich, „die Bleistifte gibt es umsonst. Die sind geschenkt. Die sind nicht zum zurückholen. Die brauche ich noch!“ „Du brauchst“, Per-Sören holte ein kleines Notizbuch hervor und blätterte kurz darin, „42 Bleistifte für dich alleine? Soviele hast du dir nämlich bloß im vergangenen Jahr ausgeliehen. Dass diese Stifte ein Geschenke sind, ist ein weit verbreiteter Irrtum, der, zugegeben, von meinem Arbeitgeber durchaus so gewollt ist. Aber auf Seite 72 der allgemeinen Geschäftsbedingungen steht ausdrücklich, dass die Bleistifte den Kunden nur leihweise zur Verfügung stehen. Demgemäß bin ich durchaus berechtigt, sie zurückzuholen.“

Wieder schwiegen wir eine Weile. „Verstehe,“ log ich und fragte dann: „Wie kommt es, dass ein Wichtel wie du für ein Möbelhaus Bleistifte einsammelt?“ – „Wichtelflinke! – Das ist eine lange, nicht unkopmlizierte Geschichte. Aber wenn du mir erlaubst, diesen Käfig zu verlassen und mir einen Schluck von dem vorzüglichen Obstbrannt aus deiner Küche anbietest, erzähle ich sie dir.“

Mein modernes Möbelmarkt Märchen – Teil 1

Es war einmal, und ist doch noch gar nicht so lange her, da gab es hoch im Norden ein großes Königreich mit stolzer Geschichte, das von ausgedehnten Seen inmitten undurchdringlicher Wälder bedeckt war. Diese Wälder waren die Heimat von somanch sonderbarer Art, wie Trollsteinern, Kubolden, Baumschraten, Irrwichtern, Gnomlingen, Bärfiesen, und Wichtelflinken. Sie alle lebten trotzt ihrer merkwürdigen Eigenheiten in anscheinender Eintracht miteinander und gingen den Menschen wo immer möglich aus dem Weg. (Die Menschen ihrerseits hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, die seltsamen Gestalten ihrer eigenen Fantasie zuzuschreiben und waren fast Ausnahmslos in der Lage diese völlig zu ignorieren, selbst wenn sie ihnen begegneten. )

Doch heute ist dieses Königreich vor allem für eine Kette von Einrichtunghäusern bekannt, die praktische und elegante Möbel zu sehr günstigen Preisen in Alle Welt verkauft. Die Wälder haben ihren Zauber verloren und sind größtenteils zu Baumplantagen geworden, die dieser Kette den Rohstoff für die beliebten Möbel liefern.

Und was ist aus den vielen Fabelwesen geworden? Nun, viele kamen mit der neuen Situation nicht zurecht, vor allem die Bärfiesen, die schon in uralten Fabeln Sturheit und Beharrlickeit verkörperten. Einige haben aber eingesehen, dass sie mit der Zeit gehen müssen und haben sich feste Jobs gesucht. Die meisten von denen arbeiten, natürlich, für besagte Möbelkette.

Sicher fragt ihr euch, woher ich das weiß. Nun, das begab sich folgendermaßen:

Erstes Kapitel – Ein unheimlicher Verdacht

Wie viele Leute in meinem Alter, habe auch ich die günstigen Angebote des besagten Unternehmens gerne in Anspruch genommen. Und ich habe es nicht geschafft, mich mit der Schreiberei über Wasser zu halten, indem ich jemals gratis Bleistifte ausgeschlagen hätte. Ihr wisst sicher, wovon hier die Rede ist.

Im selben Maße, in dem sich meine Einrichtung mit der Zeit vervollständigte, gewöhnte ich mich an die Annehmlichkeit, an jedem Fleck in meiner Bleibe einen kleinen Bleistift in Reichweite zu haben, falls es mir in den Sinn käme einen Gedanken zu notieren.

Doch irgendwann ging mir auf, dass sich die Zahl dieser Bleistifte mit der Zeit verringerte, obwohl ich nicht gerade selten mit frischer Beute aus der nächstgelegenen Möbelfiliale zurückkehrte. Zunächst schenkte ich diesem Umstand keinerlei Bedeutung. Ich bin ja nicht gerade für meine Ordnungsliebe berühmt geworden. Aber dennoch wuchs ein leiser Zweifel in mir heran, der mit der Zeit immer nagender wurde.

Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus und durchsuchte in aller Gründlichkeit meine Wohnung um sämtliche Bleistifte zusammen zu sammeln, die sich noch darin fanden. Es waren ganze neun. Nach einer sehr fundierten Schätzung, die ich sogleich anstellte, hätten es wenigstens dreißig sein müssen.

Diese Diskrepanz war so verblüffend, dass ich nicht umhin konnte, der Sache nachzugehen. Also machte ich mich sogleich auf den Weg, um einen Küchenrollenhalter ‚Kroken‘ und sieben weitere Bleistifte zu beschaffen. Alle sechzehn Bleistifte versah ich mit einer unauffälligen Markierung und verteilte sie wieder in meiner Wohnung.

In den folgenden Tagen machte ich es mir zur Angewohnheit, abends vor dem zu Bett gehen die Vollständigkeit der markierten Stifte zu kontrollieren. Bereits nach zwei Tagen musste ich den Verlust von zweien zur Kenntnis nehmen, die in der Küche und auf der Fensterbank im Wohnzimmer deponiert gewesen waren.

Ich muss zugeben, dass mich diese Entdeckung, obwohl ich sie nicht ganz unerwartet machte, zutiefst beunruhigte, ja geradezu um den Schlaf brachte. So kam es wenige Tage später, dass ich nach einigen Stunden nervösen Halbschlafs aufstand um einen Schluck Wasser zu trinken. Als ich im Gang das Licht einschaltete, meinte ich einen kleinen Schatten in meinem Schreibzimmer verschwinden zu sehen. Ich ging sofort hinterher um den kleinen Raum gründlich zu durchsuchen, kehrte aber ohne Erfolg in mein aufgewühltes Nachtlager zurück und schrieb die Erfahrung meinem nervösen, übernächtigten Zustand zu.

Doch gleich am nächsten Morgen sah ich nach meinen Bleistiften und als drei weitere fehlten, allein zwei aus der Schreibstube, war mir klar, dass meine übermüdeten Sinne mir keinen Streich gespielt hatten.

Meine Verwirrung wandelte sich schnell in gerechte Wut. Irgendjemand, oder Etwas, drang nachts in meine Wohnung ein um meine Bleistifte zu stehlen. Ich sann auf Rache!

Eine kleine Süßigkeit

Aufhören ist leicht. Alfons hatte schon hundertmal aufgehört. Nicht wieder anfangen war das Problem.

Er hatte es sich in seinen Lieblingssessel bequem gemacht, was in demselben eine gewisse Spannung erzeugte, und ignorierte den Fernseher, in dem gerade eine etwas korpulente Frau mit grell gefärbtem Haar und leicht hysterischer Stimme über geschmackvolle Inneneinrichtung dozierte.

Alfons dachte an, beziehungsweise träumte von Schokolade. Nur ein einziges Stück! Dieses leise Knistern der Silberfolie, das satte, zweifache Knacken, wenn er es aus der Tafel brechen würde. Dieser Duft, betörend süß und bitter zugleich. Und schließlich jener glorreiche Moment, in dem er es in den Mund nehmen würde, in dem sich dieses Glücksgefühl von der Zungenspitze ausgehend in seinem ganzen gewaltigen Körper ausbreiten würde. Wellen der Wohligkeit, die bis in die Fingerspitzen wabern und wieder zurück. Alfons bekam Gänsehaut bei dem Gedanken und seufzte leise.

Aber er hatte es ihnen versprochen, ja sogar geschworen! Nichts Süßes bis Ostern. Es wäre seine letzte Chance, hatten sie gesagt. Und er hatte ihnen alles mitgeben müssen, was er im Haus hatte.

Fast eine ganze Woche hatte er jetzt schon durchgehalten. Dafür hatte er sich ja wohl eine kleine Belohnung verdient. Nur eine ganz kleine Süßigkeit. Niemand würde es je erfahren.

„Wir wissen beide, dass es nicht bei einer einzigen bleiben wird“, warnte ihn sein Gewissen. Doch Alfons hatte sich schon hochgewuchtet und war auf dem Weg zum Bücherregal. „Was soll’s, Aufhören ist ja leicht“, sagte er laut zu sich selbst, als er den ausgehöhlten Almanach aufschlug, in dem er die Pralinen versteckte.