Letzte Woche hat mich eine schwere Infektion der Atemwege ausser Gefecht gesetzt und ich habe viel Zeit im Bett verbringen müssen.
Das Timing war allerdings nicht schlecht, denn zu meiner Unterhaltung war ich nicht auf das Gehirnamputierten-Fernsehen angewiesen, dass inzwischen aus der guten alten Talkshow hervorgegangen ist, sondern konnte mich an den Olympischen Winterspielen delektieren. Leider gibt es nicht den ganzen Tag packende Enscheidungen in spektakulären Sportarten, sondern es geht auch für Vorrunden in Randsportarten einige Sendezeit drauf. Deshalb werde ich jetzt zwei dieser Randsportarten dem geneigten Leser näher bringen: Curling und Bordercross.
Curling
Dieser Sport stammt aus Schottland, also von den britischen Inseln, deswegen wird es niemanden überraschen, dass er mit wenigen, intuitiv zu erfassenden Regeln auskommt. Ziel ist es, die aus speziellem schottischem Granit gefertigten Curling-Steine (‘Stones’), möglichst in die Mitte einer auf’s Eis gemalten Zielscheibe (‘Home’) zu schubsen. Eine Mannschaft besteht aus vier Personen, und nachdem der Schubser den Stein losgelassen hat, haben die übrigen drei Mannschaftskammeraden die Möglichkeit, die Bahn und Geschwindigkeit des Steins durch lautes Schreien und heftiges Eisschrubben noch zu beeinflussen. Das ist schwer zu Beschreiben, das muss man gesehen haben! Zwei Mannschaften spielen gegeneinander, und die Mannschaft, die am Ende jeweils einer von 10 Runden (‘Ends’) näher an der Mitte des Homes liegt kriegt Punke. Einen für jeden Stein, der besser liegt, als der beste Stein der Gegner. Wenn eine Mannschaft punktet, hat die andere im nächsten End ‘Das Recht des letzten Steins’, und ist damit im Vorteil.
Das Spiel hat eine imense taktische Tiefe und selbst nach einigen Stunden zuschauen, gelingt es mir noch nicht, Spielzüge, oder gar den Spielverlauf vorherzusagen. Es gibt ab und zu wirklich sehenswerte Kunstschüsse und wer mal erleben will, wie hübsche Frauen wie verrückt einen Besen schwingen und dabei laute, begeisterte Schreie ausstoßen, dem kann ich Damencurling empfehlen. Aber unter’m Strich ist mein Tip: Curling wird Randsportart bleiben.
Bordercross
Bordercross ist das exakte Gegenteil von Curling. Es gibt eine Funpark- oder Motocross-ähnliche Hindernisstrecke, die von vier Snowbordern gleichzeitig in Angriff genommen wird. Wer zuerst im Ziel ist, gewinnt. Das ist eigentlich schon alles. Für sehr offensichtliche, krasse Fouls kann man zwar disqualifiziert werden, aber trotzdem kommt es zu spektakulären Überholmanövern, Kollisionen und Stürzen. Spaß pur. Und wenn dann im Finale die Kandidatin aus USA mit 100m Vorsprung übermütig wird und am vorletzten Sprung Kunstückchen vorführt und sich dabei ohne Not auf den Arsch setzt und doch noch überholt wird, ist das Schadenfreude pur! Mitleid? Das ist ein Wettbewerb für SNOWBORDER!
Bordercross ist einfach nur spektakulär und stiehlt den konventionellen alpinen Disziplinen ganz klar die Show. Bitte mehr davon!
Erst kürzlich hat das IOC der britischen Mannschaft den Olympiasieg im
Curling bei den Winterspielen 1924 nachträglich zugesprochen (82 Jahre,
das ist fast so schnell, wie die ebenfalls jüngst (1992) erfolgte Rehabilitation von Galileo Galilei durch den Papst, 376 Jahre später).
Was taktische Tiefe und verständislose stundelange Beobachtung von
Menschen angeht, die sich nach mystischen und mutmaßlich ausschließlich
mündlich tradierten Regeln verhalten, ist eine Parallel zu Cricket erkennbar
– das seinen Ursprung meines Wissens ebenfalls auf der großen britischen
Insel hat.
Interessant, dass das IOC Baseball aus der Olympiade entfernen will, weil es kein Breitensport ist. Aber ich gebe zu, gegen Curling kommt Baseball von der Popularität nicht an…