Ich gehe nicht gerne zum Friseur. Keine Ahnung, wahrscheinlich gehe ich es falsch an. Aber allein da Anrufen zu müssen, um einen Termin zu machen löst einen gewissen Widerwillen aus.
Dazu muss man wissen, dass ich die Haare auf meinem Kopf als Haare betrachte und nicht als Frisur. Sie sollen einigermaßen ordentlich aussehen, mir nicht im Gesichtsfeld rumhängen und schnell trocknen. Von einem Friseur bzw. einer Friseuse erwarte ich deshalb eigentlich nur, dass die Haare gekürzt und die Kanten begradigt werden, was jeder Azubi in der dritten Lehrwoche auf die Reihe bekommen sollte. Deshalb ist es mir eigentlich egal, wer das dann macht und ich bestehe nicht wie fortgeschrittene Friseurkunden darauf, dass mir z. B. immer nur die Gabi die Haare schneidet. Den Salon meines Vertrauens hab ich ausgesucht, weil er ca. 200 m von meiner Wohnung entfernt ist.
Meistens klappt das auch ganz gut. Eine nette Junge Frau bringt die Haare in Form, ohne mir ein Ohr abzukauen oder schwierige Fragen zu stellen. Manchmal gerate ich aber an die Chefin des Ladens…
Die betrachtet ihr Handwerk als Kunst und ist in heilliger Mission unterwegs. Sie beginnt den Termin meistens mit einer schwierigen Frage: “Wann waren Sie denn zum letzten Mal hier?”. In meiner Naivität beantworte ich die Frage wahrheitsgemäß:”Weiß nicht genau, vor ein paar Monaten.” Damit handele ich mir das erste mißbilligende Stirnrunzeln ein. Inzwischen weiß ich, dass die Frage eh nur ein Test ist. Die Frau sieht es den Haaren an, wann sie das letzte Mal geschnitten wurden. Jedenfalls sitze ich dann meistens schon mit einem latent schlechten Gewissen auf dem Stuhl. Normalerweise geht dann dafür aber alles glatt. Nicht so neulich.
Der erste Angriff erfolgte noch vor dem ersten Schnitt. Sie wollte mich gratis ein neues Stylingprodukt ausprobieren lassen. Das sollte meinem Aussehen den gewissen Pep geben, der im Moment noch fehlen würde. Ich ignorierte diese freundliche Kompliment und ging sofort in die Defensive. Ich bin nicht so der Stylingproduktetyp und brauche keinen Pep. Vielen Dank. Während des Schneidens erinnete ich mich daran, dass man ja aufgeschlossen und offen für Neues sein sollte und entschied mich, das Stylen zuzulassen. Und sofort folgte der zweite Angriff.
“Ihre Kopfhaut ist gerötet. Was für ein Shampoo verwenden Sie?” Ich hasse es zu lügen und bin auch nicht gut darin. Nach wenigen Sekunden Verhör hatte es aus mir rausgeholt: Ich verwende das ganze Jahr über Antischuppenshampoos unterschiedlicher Hersteller und zur Zeit die billigvariante von Lidl. Ihr Entsetzen war echt oder sehr überzeugend gespielt. Sofort ließ sie Kamm und Schere fallen und präsentierte mir die Produktpallete der edelsten Shampoos von Wella. Die kosten zwar 5 mal soviel wie normales Shampoo, seien aber vieeeel besser und auch wesentlich ergiebiger, so dass sie dann in Wirklichkeit auch nur doppelt so teuer sind wie die ätzende Discounterbrühe.
Zum Schluss der Sitzung musste ich mir nur noch eine kleine Standpauke anhören, weil ich nach dem Rasieren kein Aftershavebalsam verwende. Dann hatte ich es geschafft. Naja, nicht ganz. Das Stylingprodukt fehlte natürlich noch. Haarwachs oder so. Im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, dass die Haare verstrubbelt werden. Ich hasse verstrubbelte Haare. Zu ihrer großen Enttäuschung wollte ich kein Haarwachs kaufen. Ich kaufte eine 200 ml Shampooflasche für 9,90€.
(Testbericht folgt)