Die große spannende Frage der sozialen Gerechtigkeit ist: Wieviel Gehalt verdient es irgendjemand zu verdienen?
Denn die soziale Gerechtigkeit gilt als erreicht, wenn jeder genau das bekommt was er verdient. Das ist klar. Was das ist, ist nicht so klar. Es darf auf keinen Fall zu wenig sein um ein angenehmes Leben zu führen. Es sollte aber auch nicht zu viel sein, um bescheiden zu bleiben. Lokführer bekommen möglicherweise zu wenig und Vorstände bekommen definitiv zu viel.
Das ist so Konsens, von ganz links bis über die neuen Mitten der Gesellschaft hinweg tief hinein in den braunen Sumpf rechter Stammtische. Die Diskussion läuft schon eine ganze Weile unter der Überschrift “Neiddebatte”. Schon dieser Begriff ist als großer Erfolg für die neoliberale Propaganda zu werten. Sagen die Linken.
Ist man automatisch neidisch, wenn man Millionengehälter von Führungskräften in Frage stellt? Oder ist man gar missgünstig, weil man denen da oben ihr Vermögen nicht gönnt? (Ist man ein Antisemit, wenn man Israels Aussenpolitik hinterfragt?)
Wenigstens in der Theorie ist alles ganz einfach: In einer Zeit, in der ‘Shareholdervalue’ kurz davor steht, alle zehn Gebote auf einmal zu ersetzten, ist es kaum vorstellbar, dass die Vorstände von Aktiengesellschaften erheblich mehr Gehalt bekommen, als sie für das Unternehmen wert sind.
Schon mehrfach wurden mir von SPD-Politikern Sätze überliefert wie:”Es ist unmöglich, dass ein Mensch tausendmal besser ist als ein anderer, also sollte auch niemand 1000x mehr Verdienen.”
Das ist natürlich total gequirlter Quark. Bei fast allen Dingen des täglichen Lebens steigt der Preis irgendwann überproportional zur Qualität. Das gilt für Essen, Kleidung und technische Geräte genauso wie für Dienstleistungen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.
Fall abeschlossen? Nein, noch nicht ganz. In der Neiddebatte wird immer gerne von der Selbstbedienung der Vorstände gesprochen. Gibt es vielleicht eine Lücke im System, die das Grundgesetz der Marktwirtschaft umgehbar macht? Wer entscheidet eigentlich wieviel so ein Vorstand verdient?
Im Grunde ist so eine AG eine recht demokratische Veranstaltung. Jeder Aktionär hat ein Stimmrecht entprechend dem Nennwert seiner Anteile. Die Aktionäre wählen in der Hauptversammlung den Aufsichtsrat und der stellt den Vorstand ein. Das Gehalt des Vorstandes bestimmt also der Aufsichtsrat.
Da kommen wir dem Problem schon näher. Wer sitzt nämlich typischerweise in so einem Aufsichtsrat? Richtig, vor allem verrentete Exvorstände!
Jeder der eine Oma hat weiß, dass ältere Leute jüngeren gerne Geld zustecken, wenn sie es denn haben. Ich könnte mir vorstellen, das dieser Reflex sogar noch verstärkt wird wenn es sich nicht um das eigene Geld handelt. Erschwerend kommt hinzu, dass der Aufsichtsrat nicht selten zusätzliche Beraterverträge bekommt. Als Taschengeld sozusagen.
Folgendes Szenario wäre also denkbar: Ein Kartell aus Aufsichtsräten und Vorständen macht den Aktionären Angst, nach dem Motto:” klar könnten wir auch einen preiswerteren Manager einstellen, aber dann könnte es sein, dass Ihr Geld nächstes Jahr um diese Zeit schon futsch ist… ” Die Aktionäre werden kreideweiß im Gesicht und nicken alles ab. Vorstand und Aufsichtsrat halten anschließend eine kleine “Nachtsitzung” ab mit viel Schampus und Nutten ohne Ende.
Was mir allerdings bis vorhin nicht klar war, ist dass der halbe Aufsichtsrat aus Arbeitnehmervertretern besteht. Also Betriebsräten, Gewerkschaftsfunktionären und ähnlichen Gestalten, die immer am lautesten jammern, dass die soziale Gerechtigkeit noch immer nicht stattfindet.
Bei Gleichstand können die Aktionärsvertreter zwar die Arbeitnehmervertreter überstimmen, aber davon dass in Aufsichtsratssitzungen erbitterte Kämpfe um die Höhe der Vorstandsgehälter stattfinden hat man eigentlich noch nie was gehört.
Was heißt das jetzt also? Bekommen Vorstände doch angemessene Gehälter (1,5-8 Mio. € bei Dax-Unternehmen)? Stehen Arbeitnehmervertreter etwa auch auf Geld und Orgien? Ich weiß es doch auch nicht.
Aber eine kleine Anmerkung noch zum Schluss: Ich finde es sehr interessant, wie die Neiddebatte an einer Berufsgruppe völlig vorbeiläuft, die mindestens in der gleichen Größenordnung kassiert wie Vorstandsvorsitzende: Profifußballer.
Sie haben keine besonders große individuelle Verantwortung (in Arbeitsplätzen gerrechnet) und sicher wenige 18-Stunden-Tage pro Woche (Disko zählt nicht!). Sie kicken auch nicht 1000 mal besser als der durchschnittliche Hobbybolzer vom 1. FC Schießmichtot.
Warum fordert also niemand eine Gehaltsobergrenze für Profisportler, sagen wir mal zum Beispiel auf dem Niveau der Bundeskanzlerinnenvergütung? – Weil jedem klar ist, dass Deutschland dann im internationalen Fußball sehr bald keine Rolle mehr spielte.
Und das wäre doch auch nicht gerecht!