Zweites Kapitel – Eine Falle schnappt zu
Alsdann befestigte ich ein paar Meter dünner Drachenschnur an einem der Bleistifte. An das andere Ende band ich einen alten Fahrradkorb. Den Bleistift klebte ich mit doppelseitigem Klebeband auf den Boden. Grade so fest, dass er in der Lage war, das Gewicht des Korbes zu halten, aber doch so leicht, dass man ihn mit ein wenig Kraft würde lösen können. An die Schnur knüpfte ich noch ein Glöckchen, bevor ich die sie über dem Haken, der die Deckenlampe hielt, aufhängte. Und zwar so dass der Korb direkt über dem festgeklebten Bleistift baumelte.
Die richtige Klebkraft zu finden war nicht ganz leicht. Und in den ersten zwei Nächten gab es falschen Alarm, weil der Kleber sich von selbst löste. Aber schließlich erwies sich die primitive Falle als effektiv.
Mitten in der Nacht erwachte ich vom Geräusch der herabfallenden Glocke, eilte in die Stube, schaltete das Licht ein und entdeckte eine kleine Gestalt, etwa so hoch wie zwei Handbreit, die aufrecht in der Mitte unter dem Korb stand und mir mit großen Augen entgegenblickte.
„Wen haben wir denn da?“ fragte ich mir vergnügt die Hände reibend. „Jespersen der Name, Per-Sören Jespersen, sehr angenehm“, antwortete die Gestalt zu meiner großen Verblüffung.
Das Wesen hatte annähernd menschliche Züge, war aber am ganzen Körper von kurzem blondem Haar bedeckt welches entfernt an ein Hamsterfell erinnerte. Bekleidet war Per-Sören Jespersen mit einer blauen Hose und einem gelben Hemd. Auf Brusthöhe trug er ein kleines Namensschild. Ich musste mich ganz zu ihm herunter beugen, um es lesen zu können. Per-Sören stand darauf geschrieben und unter dem Namen waren einige europäische Flaggen abgebildet. Auf den Rücken geschnallt trug er eine Art Tragegestell, in dem bereits ein halbes Duzend Bleistifte steckten.
Eine Weile sahen wir uns nur an. Schließlich brach Per-Sören das Schweigen: „Es tut mir leid, dass ich dich geweckt habe. Aber zu dieser ausgeklügelten Falle kann ich nur gratulieren! So etwas erlebt man nur noch selten in diesen Tagen.“
„Du sprichst.“, stellte ich fest. „In der Tat und zwar fließend in drei verschiedenen Sprachen.“ Stolz deutete er auf die Flaggen auf dem Namensschild.
Inzwischen hatte ich mich etwas gefangen und traute mich die entscheidende Frage zu stellen: „Was bist du eigentlich? Und was tust du nachts in meiner Wohnung?“- „Ich bin ein Wichtelflinke. Wir sind ein wenig bekanntes Volk von Fabelwesen und werden üblicherweise der Gruppe der Überdäumlinge zugerechnet. Oh, und hier erfülle ich meine Aufgabe, die Bleistifte zurückzuholen.“ – „Moment“, erwiderte ich, „die Bleistifte gibt es umsonst. Die sind geschenkt. Die sind nicht zum zurückholen. Die brauche ich noch!“ „Du brauchst“, Per-Sören holte ein kleines Notizbuch hervor und blätterte kurz darin, „42 Bleistifte für dich alleine? Soviele hast du dir nämlich bloß im vergangenen Jahr ausgeliehen. Dass diese Stifte ein Geschenke sind, ist ein weit verbreiteter Irrtum, der, zugegeben, von meinem Arbeitgeber durchaus so gewollt ist. Aber auf Seite 72 der allgemeinen Geschäftsbedingungen steht ausdrücklich, dass die Bleistifte den Kunden nur leihweise zur Verfügung stehen. Demgemäß bin ich durchaus berechtigt, sie zurückzuholen.“
Wieder schwiegen wir eine Weile. „Verstehe,“ log ich und fragte dann: „Wie kommt es, dass ein Wichtel wie du für ein Möbelhaus Bleistifte einsammelt?“ – „Wichtelflinke! – Das ist eine lange, nicht unkopmlizierte Geschichte. Aber wenn du mir erlaubst, diesen Käfig zu verlassen und mir einen Schluck von dem vorzüglichen Obstbrannt aus deiner Küche anbietest, erzähle ich sie dir.“