Gestrandet

Ein ganz normaler Montagmorgen, auf dem Weg zur Arbeit. Ich bin ein bisschen später dran als sonst. Nicht viel, eine Viertelstunde, vielleicht zwanzig Minuten. Auf dem Weg muss ich wie immer die Hauptstraße überqueren. Der Verkehr ist dicht. Sehr dicht. Doch nach einer knappen Minute bietet sich mir eine kleine Lücke im Verkehr, die ich entschlossen nutze. So erreiche ich die Verkehrsinsel in der Mitte der Straße. Stoßstange an Stoßstange wälzt sich die Blechlawine zu beiden Seiten meiner kleinen Fußgängerschutzzone dahin, langsam und gleichmäßig, ohne dass größere Lücken entstehen, aber grade schnell genug, dass ich es nicht wage, einfach zwischen zwei Fahrzeuge zu treten.

Etwa zehn Minuten später werde ich nervös. Es hat den Anschein als könnte das ewig so weitergehen. Ich versuche den Fahrern der vorbeifahrenden Fahrzeuge meine Situation durch Winken klar zu machen, damit sie mir eine Lücke lassen. Ich ernte gleichgültige Blicke, mitleidige Blicke, wütende und genervte Blicke. Ein Choleriker in einem übergroßen BMW zeigt mir einen Vogel. Einige winken freundlich zurück. Keiner bremst.

Seit einer halben Stunde sitze ich fest. Ich werde einen Termin verpassen. Das Handy! Unzähligen Menschen hat es schon aus verzweifelten Notsituationen geholfen und nun auch mir. Leider benutze ich das Gerät so selten wie möglich und lege keinen Wert darauf, den Akku gefüllt zu halten. Die Batterieanzeige signalisiert einen minimalen Füllstand. Ich muss die vorhandene Energie weise einsetzen. Soll ich den Termin absagen, oder Hilfe herbeirufen?

Da meine schnelle Befreiung den Termin noch retten könnte, entscheide ich mich für den Notruf. Ich könnte mich an einen Autofahrenden Bekannten wenden, allerdings entbehrt meine Situation nicht einer gewissen Absurdidät. Ich kann eine Verkehrsinsel nicht verlassen, weil zu dichter Verkehr herrscht. Lächerlich. Das würde ich mir noch jahrelang anhören müssen. Also werde ich es mit professioneller Hilfe versuchen, denn ich habe ein Ass im Ärmel: Meine goldgelbe ADAC-Plus Mitgliedskarte. Die gelben Engel werden mich nicht im Stich lassen! Ich gebe meine Position durch und teile auch meine Einschätzung für die beste Einflugrichtung des Hubschraubers mit. Die Frau am anderen Ende der Leitung klingt nicht so freundlich, wie sie sollte, wenn man bedenkt, wieviel Geld ich denen Jahr für Jahr überweise. Sie will meine Mitgliedsnummer gar nicht wissen und sagt, dass ich sie nicht verarschen soll. Mein zweiter Versuch landet leider wieder bei der selben Dame. Sie sagt, ich soll nicht mehr anrufen und droht mit Anzeige. Ich will sie noch bitten, mich gleich verhaften zu lassen, damit ich von der Insel runterkomme, aber dann ist der Akku endgültig leer. Ich bin allein. Inmitten der Zivilisation, umgeben von Menschen in Autos, fühle ich mich einsam und verlassen. Was würde Robinson Crusoe jetzt machen? Da es nicht absehbar ist, wann ich die Insel verlassen kann, richte ich mich auf eine Längere Wartezeit ein. Was benötige ich? Ich nehme den Notitzblock aus der Tasche und mache eine Liste:

1.Wasser
2.Nahrung
3.Unterschlupf
4.Rettung

Punkt eins ist nicht trivial. Ich habe nichts zu Trinken bei mir und ein kurzer Rundgang um die Insel hat ergeben, dass es keine Frischwasserquelle gibt. In nordöstlicher Richtung steht allerdings eine kleine dreckige Pfütze. Vielleicht könnte ich in der Kapuze meiner Jacke Regenwasser auffangen? Die Sonne lacht über meine komische Idee. Ich stelle Punkt eins erstmal zurück und beginne eine gründliche Suche in meinem Rucksack. Schließlich finde ich ein Hustenbonbon von 2002. Nach mehreren drastischen Temperaturwechseln ist es eine sehr innige Verbindung mit seiner Plastikverpackung eingegangen. Mit zunehmender Hektik zupfe ich daran herum, bis ich es schließlich soweit offen habe, dass ich mit den Zähnen gierig die klebrigen Reste vom Plastik kratzen kann. Ich schlucke hastig. Soviel zu Punkt zwei.
Punkt drei ist ebenfalls kurz abzuhandeln: Auf meiner Insel gibt es lediglich ein „Vorgeschriebene Fahrtrichtung rechts vorbei„-Schild und eine Straßenlaterne. Die beiden stehen zu weit auseinander, um dazwischen meine Jacke als Zeltplane aufzuspannen. Die Frage, ob ich meinen Rucksack zum Schlafen besser über den Kopf oder über die Füße ziehen sollte, stelle ich einstweilen bis zum Einbruch der Dunkelheit zurück.
Also wieder zu Punkt vier. Da mich die moderne Technik auf der Suche nach Hilfe im Stich gelassen hat, versuche ich es mit konventionellen Mitteln. Ich schreibe SOS auf meinen A5 Notitzblock und halte das Schild den vorbeifahrenden Autos entgegen. Entweder sind sie zu schnell oder sie nehmen mich nicht ernst. Vielleicht fragen sich einige auch, wo dieses SOS liegt, wo ich so unbedingt hin will. Jedenfalls: Keiner hält.
Ich bin verloren. Ich werde auf dieser Verkehrsinsel zu Grunde gehen und entweder verdursten oder erfrieren. Ich beginne damit, Abschiedsbriefe zu schreiben.
Ein lautes Scheppern unterbricht mich. Wenige hundert Meter südlich hat es eine Auffahrunfall gegeben. Die Blechlawine wir eingebremst und kommt endlich zum Stillstand. Ich bin frei! Auf der anderen Straßenseite falle ich einem wildfremden Menschen um den Hals und küsse den Boden. Doch was soll ich nun den Kollegen erzählen, wegen dem geplatzten Termin? Ich werde einfach sagen:„Ich konnte nicht verhindern aufgehalten zu werden.“ Das ist ja nichtmal gelogen.

4 thoughts on “Gestrandet

  1. Zu Punkt 4.) Rettung: Wie fest war der Boden Deiner Insel? Wäre ein Fluchttunnel zur anderen Straßenseite denkbar gewesen? Vielleicht solltest Du in Zukunft auf dem Weg zur Arbeit einen Klappspaten im Rucksack mitführen.

  2. Auch eine Rettungsmethode: Das nutzlos gewordene Handy einem Autofahrer auf die Motorhaube schmeissen. Der hält garantiert an, und bis der ausgestiegen ist, schnell die Strasse überqueren.

    Wenn gar nichts mehr hilft, die Robinson-Crusoe-Methode anwenden: Warten auf Freitag.

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