Datterich 2006

Heute war es mal wieder soweit: Datterich-Ultra-Triathlon in Darmstadt auf dem Campus Lichtwiese, in und um das Hochschulstadion. Dabei handelt es sich um eine Breitensport Triathlon Veranstaltung. Die Ironman-Distanz wird dabei auf eine Zehner-Mannschaft verteilt.

Meine Teilnahme an diesem ‚Wettbewerb‘ hat mittlerweile Tradition. Meine erstes Mal 2000 war der Auslöser dafür, dass ich angefangen habe regelmäßig Sport zu treiben. Es war einfach zu frustrierend, wie ich damals auf dem Zahnfleisch kriechend im Minutentakt von alten Männern mit langen weißen Bärten überholt wurde. Inzwischen hat sich einiges getan, was meine Fitness angeht. Die Strecken von 380 m Schwimmen, 18 km Rad fahren und 4,2 km Laufen machen mir keine Angst mehr. Trotzdem reicht die Strecke, um sich ordentlich zu töten.

Dieses Jahr waren die Voraussetzungen nicht besonders gut, da ich eine krankheitsbedingte Trainingsunterbrechung in Kauf nehmen musste. Außerdem hat der späte Sommer den Beginn des Schwimmtrainings verzögert. Da also ohnehin keine neuen Rekorde zu erwarten waren habe ich auch darauf verzichtet, mein Rennrad nach Darmstadt mitzunehmen und bin mit einem geliehenen Rad angetreten. Für weitere Ausreden sorgte ein konzertbedingter Schlafmangel.

Wie ich schon gesagt habe, machen mich die Distanzen nicht mehr nervös. Meine Kondition hat sich inzwischen soweit verbessert, dass ich auch ohne spezielles Training durchhalte. Allerdings ist die Teilnahme jetzt mit zwei anderen Ängsten verbunden: Bisher konnte ich bei jedem neuen Start meine alte Zeit unterbieten, und bisher konnte ich immer schneller als meine kleine Schwester das Ziel erreichen. Dafür, dass heute die erste Serie gerissen ist, hatte ich im Vorfeld genügend Ausreden vorbereitet, die nicht auf ‚ich werde alt‘ hinausliefen. Das andere hätte aber so oder so für tiefe Depression sorgen können, besonders weil meine Schwester mit einem Halbmarathon im Mai eine beeindruckende Frühform dokumentiert hatte.

Als also heute um kurz nach sechs der Wecker ging, startete ich nicht ganz unbeschwert in den Tag. Einem hastigen Frühstück folgte ein hektischer Aufbruch und eine sehr ausgefüllte Zeit bis zum Start um Punkt acht Uhr. Davor mussten die Startunterlagen geholt und verteilt werden, die Startnummern an Rädern und Trikots angebracht werden und die Wechselzone vorbereitet werden.

Die Luft war noch kühl und das Wasser war dank der vielen sonnigen Tage zuvor angenehm temperiert, als unser Team, die moralischen Sieger, ins Wasser stieg. Soweit sogut. Doch schon unmittelbar nach dem Start war ich in Schwierigkeiten. Ich hatte ähnliche Probleme schon letztes Jahr erlebt und ging es extra vorsichtig an. Aber selbst beim langsamen Brustschwimmen bekam ich Atemnot. Ich weiß nicht, ob es am unruhigen Wasser, am Chlor oder am Wettkampfstress liegt, aber ich kann unter Wettkampbedingungen praktisch nicht schwimmen. Bald lag ich weit hinter meiner Mannschaft zurück, wurde auf der 50 m Bahn überrundet und dachte an Aufgeben. Jedenfalls war ich eine ganze Weile lang völlig damit beschäftigt, mich über Wasser zu halten, an vorwärtskommen war gar nicht zu denken. Aber Aufgeben ist natürlich keine Option und schließlich beruhigte ich mich soweit, dass ich die letzten Bahnen einigermaßen mit sehr langsamen Kraulen hinter mich brachte. Die große Hoffnung, einmal fit und ausgeruht auf’s Rad zu steigen, hatte sich also erledigt.

Immerhin waren alle anderen schon weg, und ich hatte viel Platz in der Wechselzone. Kurz abtrocknen, Trikot, Brille, Fahrradhelm, Socken (Luxus!) und Schuhe an, dann ging es weiter. Mit dem geliehenen Rad kam ich gut zurecht (danke Stephan) aber die Lunge hat noch ¾ der Strecke weh getan. Die nächste Krise kündigte sich nach der ersten Steigung an: ein kurzes, aber heftiges Zwicken in der Wade. Außerdem lag ich ziemlich weit hinter meiner Schwester, einer sehr guten Schwimmerin, zurück.

Trotz allem ist Radfahren die mit Abstand angenehmste Triathlondisziplin, und nachdem es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen konnte, war ich entschlossen, die Runden auf dem Rad so gut es ging zu genießen. Die Strecke war anspruchsvoll genug. Moderate Steigungen und Abfahrten, aber sehr enge, technisch anspruchsvolle Kurven, Spitzkehren und Schikanen. Dazu noch aktive und passive Überholvorgänge mit anderen Teilnehmern. Trotz Lungenschmerzen und sich ankündigenden Wadenkrämpfen ging es mir also ganz gut.

Ausgesprochen interessant war es, die Konkurrenz zu beobachten. Die blöden Streber, die in schmucker Triahtlonspezialbekleidung auf ihren hightech Rennmaschinen (hmm, ja ich hab auch so eine im Keller 🙂 ), vorbeiflitzen. Die weibliche Ausgabe motiviert wenigstens mit tiefen Rückenausschnitten. Oder die rollenden Verkehrshindernisse auf klapprigen Damenrädern. Ganz besonders vergnüglich sind die Erstlinge, die an der Steigung im Sattel stehend an einem vorbei sprinten, um wenige hundert Meter später erschöpft auf der Stelle zu treten. Was für ein Spaß! Als ich auch noch meine Schwester einholte, war alles prima.

Doch schon kurze Zeit später kam der erste Krampf und ich musste schreiend an den Rand der Strecke fahren. Sicher haben sich da einige Teilnehmer, die ich kurz davor hämisch grinsend überholt hatte dabei sehr über mich amüsiert. Nach kurzer Pause konnte ich vorsichtig weiterfahren. Aber leider wiederholte sich diese sehr unangenehme Erfahrung ein paar Kilometer weiter.

Der Wechsel vom Rad auf’s Laufen ist normalerweise die kritischste Phase beim Triathlon. Aber dadurch, dass ich die Letzte Radrunde krampfbedingt nicht schnell fahren konnte, war es diesmal kein großes Problem. Meine Schwester war 150m zurück und ich kam gut voran. Wie immer konnte ich auf der zweiten Streckenhälfte sogar noch zulegen und mich ein wenig mit der Konkurrenz auseinander setzen. Eine Frau in den besten Jahren, die kurz vor mir lief, rannte plötzlich in die Botanik, um Wasser zu lassen. Dann wurde ich von der laufenden Ausgabe des blöden Strebers passiert. Der war wirklich total unentspannt und lief fast so, als gäb es einen Pokal für den ersten, oder sowas (Ups… Okay…). Jedenfalls bildete ich mir ein, einigermaßen gut voran zu kommen, aber meine Schwester hatte mir einen Halbmarathon voraus und kam immer näher. Auf den letzten 250m startete ich dann meinen traditionell beeindruckenden Endspurt und zog unwiderstehlich davon 😉 .

Jetzt, fast zehn Stunden nach Zieleinlauf, kann ich immer noch nicht richtig Laufen. Und ich habe keinerlei Illusionen bezüglich der Schmerzen, die mich morgen erwarten. Also warum tue ich mir das an? Weil der Moment, in dem ich im Ziel auf dem Rücken lag, Arme und Beine weit von mir gestreckt, die Augen geschlossen und die Sonne im Gesicht, einfach nur Luft in die schmerzende Lunge saugend, der beste des ganzen Wochenendes war, vielleicht sogar mehr. Sport macht süchtig und ist daher die Mühe wert. Selbst auf dem ausgesprochen mittelmäßigem Niveau auf dem ich ihn betreibe. Also wenn ich nächstes Jahr wieder Zeit habe, werde ich wieder nicht nein sagen können und bin dabei, beim Datterich.

(Um temporalen Verwirrungen vorzubeugen: der DUT fand am 16.7. statt, ich habe den Text auch gestern geschrieben aber erst heute, am 17. Online gestellt.)

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