Der Springer

Es war eine kalte, klamme Nacht im Dezember und ich war in sonderbarer Stimmung unterwegs, auf dem Heimweg von einer dieser wenig besinnlichen Weihnachtsfeiern, die man um diese Jahreszeit über sich ergehen lassen muss.

Es war spät und nur wenige Menschen begegneten mir in den engen, nebeligen Gassen der Altstadt.

Ich erblickte ihn bereits bevor ich die Brücke betrat. Er stand ungefähr in der Mitte, ausserhalb des Geländers, an dem er sich mit beiden Armen hinter seinem Rücken festklammerte. Unter ihm rauschte die reißende Strömung des dunklen, kalten Flusses, der zu dieser Zeit viel Wasser führte.

Ich wußte, was ich zu tun hatte. Und ich weiß, dass ich es an jedem anderen Tag auch genau so gemacht hätte. Doch an diesem Abend konnte ich es nicht, sondern tat etwas völlig anderes.

Ohne Eile ging ich zu ihm hin und stellte mich ein paar Schritte neben ihm an das Geländer. „Hallo!“ sagte ich nach einer Weile.

Er sah mich an, und ich werde diesen ersten Blick nie mehr vergessen, solange ich lebe. Diese Mischung aus Wut, Trauer und Verzweiflung aber auch einem winzig kleinen Funken Hoffnung…

„Kommen Sie nicht näher“, sagte er, obwohl ich mich nicht gerührt hatte. „Tue ich nicht“, versprach ich ihm und schwieg.

„Versuchen Sie nicht, es mir auszureden!“ rief er nach einer Weile, sichtlich irritiert, dass ich keine Anstalten machte, meinen Teil des Dialoges dem Drehbuch gemäß abzuliefern. Ich ließ mir Zeit mit meiner Antwort, die erneut so gar nicht in das Konzept dieses unglücklichen Menschens passen sollte:“Das muss ich gar nicht. Du springst ja doch nicht.“

„Und ob ich springe! Sie werden schon sehen! Kommen Sie nicht näher!“, war die aufgebrachte Erwiderung. Eine Zeit lang war nichts zu hören außer den gedämpften Geräuschen der Stadt und dem gleichförmigen Rauschen der Strömung. Dann fragte er:“Wollen Sie gar nicht wissen, warum ich es tue?“.

In diesem Moment spürte ich, wie dieses seltsame, böse Gefühl völlig von mir Besitz ergriff und meine letzten Skrupel überweltigte. Ich entgegnete:“Lass mich raten… Sie hat dich verlassen.“ Seine Miene ließ keinen Zweifel daran, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. „Ich wußte es!“ setzte ich nach, „Und ich weiß sogar warum. Aus dem selben Grund, aus dem du niemals springen wirst. Weil du ein Weichei bist! Einer der wirklich springen will steigt über das Geländer und springt! Der steht nicht stundenlang herum und wartet auf jemanden zum Reden.“ Ich ließ eine kurze Pause, bevor ich fortfuhr:“Glaubst du, sie bekommt Mitleid, wenn sie davon erfährt und kommt zurück zu dir?  – Vergiss es!“

Wieder sah er mich an. Mit einem Blick ganz ähnlich dem ersten, genau so unvergesslich. Wieder Wut, wieder Trauer. Verzweiflung vor allem. Dann drehte er sich weg und sprang.

Ich sah seinen Kopf noch einmal kurz auftauchen, schon viele Meter stromabwärts, bevor ihn ein Strudel endgültig in die Tiefe zog.

Eine Weile geschah nichts. Dann hörte ich eilige Schritte auf mich zukommen. Es war eine Frau, Ende vierzig, Anfang fünfzig. „Machen Sie sich keine Vorwürfe, ich habe alles gesehen. Sie haben versucht es ihm auszureden.“

Manchmal, an Tagen wie heute hole ich den Artikel hervor, den ich aus dem Lokalteil der Zeitung ausgeschnitten habe. Denn obwohl ich mich ganz genau an jedes Wort, jedes Detail erinnern kann, kommt mir das Erlebte manchmal so unwirklich vor, als hätte ich es nur geträumt.

(Ähnlichkeiten mit wahren Begebenheiten, lebenden oder toten Personen oder anderen fiktiven Geschichten sind zufällig, nicht gewollt und mir nicht bekannt.)

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