Nachts um halb drei

Egon kniff seine Augen zusammen und versuchte schon zum dritten mal herauszufinden, welche zwei Zahlen in der sechsten Spalte noch fehlten. Diesmal kam er bis zur vier, bevor ihn der Sekundenschlaf erneut überwältigen konnte. Zu einer vernünftigen Uhrzeit hätte er für dieses Rätsel höchstens zehn Minuten gebraucht aber jetzt, mitten in der Nacht, kämpfte er schon fast seit zwei Stunden damit.

Über neun Jahre Jurastudium und Referendariat und dann das! Immerhin blieb es ihm so erspart Taxi zu fahren oder Fritten zu verkaufen. Er dachte vor allem an seinen Ex-Komilitonen Norbert, der ähnlich gruselige Arbeitszeiten in Kauf nehmen musste um das unbezahlte Praktikum zu finanzieren, das er für die letzte Hoffnung auf eine Fortsetztung seiner juristischen Karriere hielt.

Egon war wohl wieder eingenickt, denn als das Telefon klingelte, hatte er das Gefühl geweckt zu werden.

Der Bildschirm neben dem Telefon zeigte automatisch die Daten von Herrn Berthold Grieslich an, als den der Sprachcomputer des Callcenters den Anrufer identifiziert hatte.

Egon schüttelte noch einmal kräftig den Kopf, um ein wenig wacher zu werden, bevor er das Gespräch mit dem vorgeschriebenen Satz begann:

„Willkommen bei der Advokuranzia, Sie Sprechen mit Egon Mehrtens, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Sind Sie wirklich ein richtiger Anwalt?“, fragte die misstrauische Stimme eines älteren Mannes (64 Jahre, Frührentner, wie Egon mit einem Blick auf den Monitor feststellen konnte).

„Ich bin Volljurist und habe die Zulassung der Hamburger Anwaltskammer als Rechtsanwalt zu arbeiten“, antwortete Egon bemüht freundlich, „Was kann ich denn für Sie tun?“.

„Na dann können Sie ja nicht viel taugen als Anwalt, wenn Sie um diese Zeit am Telefon sitzen müssen.“

Das Egon dem Volljuristen auf diese Anschuldigung keine passende Erwiderung einfiel, war bezeichnend und nicht nur der Uhrzeit geschuldet.

„Aber alles was ich Ihnen gleich sage ist doch vertraulich und Sie dürfen es nicht weitererzählen, oder?“

„Selbstverständlich!“ schöpfte Egon neue Hoffnung.

„Und dieses Gespräch wird auch nicht überwacht oder aufgezeichnet?“ – „Nein, es sei denn wenn Sie das ausdrücklich wünschen.“

„Unterstehen Sie sich!“ knurrte Grieslich, bevor wieder eine kurze Pause entstand. „Es ist nämlich so“, machte er dann weiter, „ich braüchte einen juristischen Rat, weil ich gerade meinen Nachbarn umgebracht habe.“

„WAS haben Sie?“, fragte Egon, plötzlich erheblich wacher als zuvor.

„Es war Notwehr. Das alte Scheusal hat mich provoziert!“ fuhr Grieslich ungerührt fort.

„Das ist aber nicht ganz das Selbe“, musste Egon da einwenden.

„Es spielt auch gar keine Rolle. Ich wollte Sie eigentlich nur fragen, wie lange ich die Leichen verstecken muss, bis die Sache verjährt ist.“

„Mord verjährt nicht“, sagte Egon automatisch bevor das entscheidende Detail sein Bewußsein erreichte. „Haben Sie Leichen gesagt?“

„Ich habe gesagt, dass es Notwehr war!“ korrigierte Grieslich.

„Leichen? Plural?“

„Seine Frau ist natürlich auch tot, aber das war eher ein Unfall“, erklärte der Alte in sachlichem Tonfall. „Sie meinen also, ich sollte lieber das bessere Versteck wählen, auch wenn das jetzt mehr Arbeit bedeutet?“

Egon dachte nach. Das war ein Fall. Ein richtiger Fall. Sein erster richtiger Fall! Die Aufregung kribbelte jetzt durch seinen ganzen Körper.

„Herr Grieslich“, sagte er dann in einem Tonfall, den er für autoritär und würdevoll hielt, „als Ihr Anwalt muss ich Ihnen dringend raten, am Tatort keine Veränderungen vorzunehmen und sich umgehend mit der Polizei in Verbindung zu setzten.“

„Pah!“, erwiderte Grieslich verächtlich, „Ich soll mich stellen? Was Besseres fällt Ihnen nicht ein? Ich hatte ja schon befürchtet, dass man um diese Zeit keinen besonders gewieften Anwalt ans Telefon bekommt.“

„Dann bitte ich Sie wenigstens nichts Unüberlegtes zu tun, bis ich bei Ihnen bin! Stimmt die Adresse?“ Egon las die Anschrift vom Bildschirm ab.

Herr Grieslich ging nicht darauf ein sondern meinte nur nachdenklich: „Sie wollen herkommen? Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Zusammen können wir sie tragen und hinterlassen keine Schleifspuren…“, und dann: „Aber wer geht dann bei Ihnen ans Telefon, wenn Sie hier sind? Ich möchte ja nicht, dass Sie meinetwegen noch Ärger bekommen.“

Wenn er dem Alten gleich wirklich beim Verstecken von zwei Leichen helfen würde, wäre das Verlassen des Telefons sicher der kleinere Ärger, dachte Egon. Aber davon sagte er nichts, sondern:“Bitte bleiben Sie wo Sie sind und rühren Sie nichts an, bis ich bei Ihnen bin. Ich mache mich sofort auf den Weg!“

„Einen Moment noch!“, rief Grieslich, „ich glaube mein Neffe möchte Sie sprechen.“ – „Neffe??“, fragte Egon.

Aber da krähte schon eine andere, ihm gar nicht unbekannte Stimme aus dem Höhrer: „Mensch Egon, du alte Pappnase. Da haben wir dich ja richtig doll drangekriegt! Aber mach dir nichts draus, Onkel Bert war schon immer ganz groß im Leute verarschen!“

„Ich hasse meinen Job“, war Egons wütender Gedanke, mit dem er die Verbindung unterbrach.

Doch als er sich ein wenig beruhigt hatte, konnte er sogar schon selbst über den gelungenen Scherz schmunzeln. Dann wandte er sich wieder dem Rätsel zu. Sieben Minuten später hatte er es gelöst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.